Appenheim in Rheinhessen  
   
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Anschrift
Ortsgemeinde Appenheim
Hauptstraße 28
55437 Appenheim, Rheinhessen

Tel. 0 67 25 / 24 43
rathaus@appenheim.de

Die Geschichte von Appenheim

Überblick:

 

Frühe Spuren
Erste Erwähnung
Vom Wormsgau zur Kurpfalz
Mittelalter
Reformation
Oberamt
Die Franzosenzeit
19. Jahrhundert
Vom ersten zum Zweiten Weltkrieg

 

 

Historische Rückblicke

Historische Rückblicke sind dieses Jahr in Deutschland recht häufig: Man gedenkt des großen Reformators Martin Luther und des politischen Philosophen Karl Marx Oder erinnert an Hitlers folgenschwere Machtergreifung. Die Rüdesheimer feiern ihr hundertjähriges Niederwalddenkmal, die Binger tausend Jahre staatliche Verbindung zu Mainz. Noch mehr Anlaß zum Feiern haben die Appenheimer, sind es doch gerade 1100 Jahre her, daß ihre Gemeinde erstmals in einer Urkunde erwähnt wird. Appenheim ist also älter als manche moderne Weltstadt - Grund genug, sich mit seiner Vergangenheit zu befassen.

 

Die Beschäftigung mit der langen Appenheimer Geschichte wäre aber unnütz, würde sie nur dem Stolz auf das hohe Alter des Ortes dienen. Vielmehr kann uns eine solche Rückschau besser verständlich machen, wie es zu den Verhältnissen kam, in denen wir heute leben. Dafür eignet sich die Ortsgeschichte besonders gut, ist sie doch - von ihren einzigartigen Zügen abgesehen - in vielem das Spiegelbild der Weltgeschichte. Dieser Zusammenhang zwischen „großer" und „kleiner" Geschichte soll im Folgenden immer wieder gezeigt werden. Außerdem bietet die Geschichte eines Dorfes wie Appenheim die Chance, das Leben unserer Vorfahren anschaulich zu machen, sozusagen den historischen Alltag zu beschreiben. Von ihm wird in dieser Appenheimer Geschichte oft die Rede sein, von den Arbeitsformen und Arbeitsbedingungen der Bauern, von ihrem Leid und Streit, aber auch von Jahrzehnten friedlichen Zusammenlebens und tatkräftigen Aufbaus.

 

Appenheim aus der Vogelperspektive 1938
Appenheim aus der Vogelperspektive 1938

Seinen Geschichtsschreiber hat Appenheim schon gefunden. Es war der Pfarrer Johannes Würth, der anläßlich der Erweiterung der evangelischen Kirche 1908 eine ausführliche „Geschichte der Gemeinde und Pfarrei Appenheim" herausgab. Würths Schrift - die auf umfangreichem Quellenmaterial und langen Forschungen beruht - kann und soll hier nicht überboten werden. Dennoch bedürfen seine Aussagen der Ergänzung: Wir müssen die Chronik bis in die Gegenwart fortführen und in einigen funkten anhand neugefundener Quellen korrigieren; außerdem beurteilen wir manche historische Vorgänge anders als das zu Zeiten Würths üblich war. Denn auch die Geschichtsschreibung ist - bei allem Streben nach Wahrheit - von ihrer Umwelt beeinflußt und setzt ihre Schwerpunkte heute anders als damals. Mit diesen Voraussetzungen wollen wir uns nun der Appenheimer Geschichte zuwenden. Verfasser: Dr. Franz Dumont aus Mainz Beitrag von 1983

 

 

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Frühe Spuren der Besiedlung

wird heute ein Neubaugebiet angelegt, dann prüft man vorher sorgfältig Lage, Beschaffenheit und Entwässerung des Geländes, denn selbst in unserer hochtechnisierten Zeit bestimmt der Boden noch weitgehend das Bauen. Noch viel mehr waren natürlich die Menschen der Vorzeit davon abhängig, wenn sie ihre Wohnstätten errichten wollten, und so ist auch in Appenheim die Geologie Grundlage der frühen Siedlungsgeschichte.

 

Ganz Rheinhessen- einschließlich des „Westplateaus", auf dem Appenheim liegtist in seiner heutigen Gestalt ein Produkt der„jüngeren" Erdgeschichte, also etwa eine halbe Million Jahre alt. Die Geologie mißt eben mit anderen Maßstäben als die menschliche Geschichte. Am Ende der letzten Eiszeit (etwa 10.000 v. Chr.) war die weitgehend im Tertiär entstandene Landschaft fast so, wie sie sich uns heute darbietet: große, an den äußeren Rändern steil abfallende Hochflächen die mit Löß bedeckt sind, nur selten Wald tragen und von wenigen Bachläufen zerteilt werden. Davor liegt die breite, bisweilen sumpfige Talzone des Rheins. Im Gegensatz zu dem plumperen südlichen Teil des Westplateaus um Oberhilbersheim und Wolfsheim ist der nördliche zwischen Niederhilbersheim und Gau-Algesheim stärker gegliedert, besonders durch den Wehbach und seine Nebenläufe, die Appenheim für rheinhessische Verhältnisse geradezu wasserreich machen. Wald gab es hier-wie im ganzen Rheinhessen - schon in der Vorzeit entsprechend dem vorherrschenden Trockenklima äußerst wenig; nur der Westerberg, der ohnehin ein geologischer Sonderling ist, war damals ganz mit Wald bedeckt, der vielleicht mit jenem bei Ober-Olm zusammenhing.

 

Dieses nur leicht hügelige, waldarme und verhältnismäßig warme Land bot den Menschen der Vorgeschichte (aus der wir ja keine schriftlichen Zeugnisse haben und uns an Bodenfunde halten müssen) gute Siedlungsbedingungen. Während uns aber in anderen Teilen Rheinhessens etliche Funde aus der Alt- und Jungsteinzeit ( 9.000 bis 2.000 v. Chr.) bekannt sind, fehlen solche aus der Appenheimer Gemarkung völlig. Immerhin wurde auf dem Westerberg ein Grab der jungsteinzeitlichen "Schnurkeramiker" gefunden, eines Jägervolkes, das die Ränder der Lößhochflächen, wo man leicht Wasser finden konnte, bevorzugte. Den ersten eindeutigen Hinweis auf eine Besiedlung der Gemarkung Appenheim geben einige „Brandgräber", die 1896 am oberen Ortsausgang gefunden wurden. Neben den Urnen für die Asche der Toten lagen Gefäße mit Tierknochen- die den Verstorbenen wohl als Speisen dienen sollten - und einige einfache Tonringe. Wie Anlage und Schmuck beweisen, stammen diese Gräber aus der (nach einem französischen Fundort so genannten) ,La-Tene-Zeit", vermutlich aus dem zweiten oder ersten Jahrhundert vor Christi Geburt. Gewiß, dieser vereinzelte Fund sagt nichts über Lage, Größe und Art der Siedlung aus, doch wissen wir immerhin etwas über deren Bewohner: In Appenheim lebten damals Kelten, die seit etwa 500-400 v. Chr. ganz Rheinhessen in mehr oder minder geschlossenen Dörfern besiedelten. Sie gehörten nach neuesten Erkenntnissen dem Stamm der „Treuerer" an, nach dem die Römer dann das heutige Trier benannten. Das gesamte Verbreitungsgebiet der Kelten reichte um Christi Geburt von England und Frankreich bis in die Tschechoslowakei. In unserer engeren Nachbarschaft gehen die Städtenamen Mainz, Worms und Bingen sowie der Flußname „Rhein" auf keltische Worte zurück. Manche Forscher halten auch die Bezeichnungen „Rechen"-Born und Appenheim für ursprünglich keltisch.

 

Seit etwa 50 v. Chr. gerieten die rheinischen Kelten von zwei Seiten unter Druck: von Norden durch germanische Stämme, von Süden durch die Römer. Denn nach der Eroberung des ebenfalls keltischen Galliens (etwa des heutigen Frankreich) schoben Caesar und seine Nachfolger, die Kaiser Augustus (31 v. - 14 n. Chr.) und Tiberius (14-37 n. Chr.) die römische Reichsgrenze bis an den Rhein vor. Dachten sie dabei zunächst noch an weitere Eroberungen, z.B. des rechtsrheinischen Germaniens, so bauten sie nach dem Scheitern dieser Pläne (um 9 n. Chr.) das Rheingebiet zu einer starken Militärgrenze aus. Auf Taunus und Odenwald legten die Römer einen Befestigungswall, den „Limes" an, hinter dem am Rhein große Garnisonsstädte wie :Mainz, Worms oder Koblenz lagen. Dazwischen gab es - an strategisch wichtigen Punkten - gut befestigte Kastelle, die neben einem großen Truppenlager noch Siedlungen für Handwerker und Kaufleute umfaßten. Eines dieser Kastelle war Bingen, das den Naheübergang sicherte ("Drususbrücke"!) und an der wichtigen Römerstraße von Mainz nach Trier lag. Daneben gab es eine ältere, wohl keltische Siedlung, die wie die Grabfunde zeigen - einen hohen Lebensstandard besaß und wirtschaftlich große Anziehungskraft auf das Umland ausübte. Dieses Hinterland war inzwischen ganz anders besiedelt: An die Stelle der keltischen Dörfer waren einzelne römische Gutshöfe, Ivillae" genannt, getreten. Reste einer solchen "villa" wurden 1865 in Niederhilbersheim gefunden, und es ist zu vermuten, daß ein entsprechender Hof auch in der Appenheimer Gemarkung stand. Daß unser Ort zur Römerzeit bewohnt war, darauf deuten die zahlreichen Gegenstände des täglichen Bedarfs der Römerzeit (Tongefäße, Ölgläser und Münzen) hin, die in und um Appenheim gefunden wurden. Daß dazu auch Weinkrüge gehörten, läßt annehmen, daß dieses Getränk damals hier schon bekannt war, wenn nicht sogar hergestellt wurde. Der Weinbau war Teil des höheren Lebensstandards, den die Römer an den Rhein mitgebracht hatten. Ein weiterer Hinweis darauf sind die Reste einer kleinen römischen Badeanlage am Ortsrand von Appenheim, ebenso das Stück römischer Wasserleitung, das in Gau-Algesheim gefunden und offensichtlich aus Appenheimer Quellen versorgt wurde. Diese technische Überlegenheit der Römer beschleunigte sicher die Anpassung der Einheimischen, die aus der keltischen Urbevölkerung und den inzwischen eingesickerten Germanen (vielleicht vom Stamm der Vangionen) bestanden. Zu dieser „Romanisierung" trug natürlich auch die straffe römische Verwaltung bei, die in unserem Raum damals von Mainz aus für die Provinz "Obergermanien", einem breiten Streifen links des Rheins vom Elsaß bis nach Remagen, wahrgenommen wurde.

 

Diese Zeit friedlicher Entwicklung und eines gewissen Wohlstands war vorbei, seitdem etwa ab 250 n. Chr. germanische Stämme gegen die römische Rheingrenze anstürmten. Zunächst gelang es zwei dieser Völkerschaften, den Franken und Alemannen, den rechtsrheinischen Limes zu überwinden und die Römer auf das linke Rheinufer abzudrängen (259/260). Zehn Jahre später gab es auch in Rheinhessen schon Germaneneinfälle, Kreuznach und Alzey wurden zerstört. Immer mehr zogen sich die Bewohner und Bauern der römischen Gutshöfe in die Militärstützpunkte zurück; so werden die „Appenheimer" sich lange Zeit in Bingen aufgehalten haben. Doch auch hier waren sie nicht vollkommen sicher, denn Bingen wurde 355 gründlich von Germanen zerstört. Zwar befestigten die Römer die Stadt bald wieder, doch dauerte ihre Herrschaft am Rhein nur noch fünf Jahrzehnte. Aus dieser Zeit - dem späten 4. Jahrhundertfand man in Appenheim römische Münzen, die eine wichtige Änderung aufwiesen: Sie zeigten nicht mehr wie bisher heidnische Götterbilder, sondern die griechischen Anfangsbuchstaben des Namens „Christus" (XP). Seit Konstantin dem Großen (324-337) war das Christentum ja die vom Staat bevor bevorzugte, seit Kaiser Theodosius (394) die allein zugelassene Religion im Römischen Reich. Daraus zu schließen, es habe um 400 in Appenheim schon Christen gegeben, ist sicher verfehlt, zumal sich einheimisches und römisches Heidentum gerade auf dem Land lange hielten. Doch kann man davon ausgehen, daß die neue Religion damals hier schon bekannt war.

 

Im Jahre 406 brach die Römerherrschaft am Rhein endgültig zusammen: Vor dem erneuten Ansturm der Germanen wichen die Römer nach Südwesten aus; in ihre rheinischen Provinzen rückten in dichter Folge die Stämme der Vandalen, Alanen und Sueben ein und gründeten meist nur kurzlebige Staaten (Burgunderreich bei Worms; vgl. Nibelungenlied). Auch in und um Appenheim ging in dieser Völkerwanderung die hochstehende Kultur des Altertums unter, kam jede geordnete Verwaltung zum Erliegen und wurden die meisten Gutshöfe verlassen; lediglich der Weinbau-und das Christentum blieben als „Importe" der Römerzeit erhalten.

In dieses teils verlassene, teils verwüstete Land kamen Ende des 5. Jahrhunderts die germanischen Franken und Alemannen.

Rheinhessen scheint zunächst alemannisch gewesen zu sein, worauf z.B. die Ortsnamen von Gensingen, Sprendlingen und Plani(n)g(en) hinweisen. Dem Frankenkönig Chlodwig gelang es aber 496/97, die Alemannen nach Süden abzudrängen und so war Rheinhessen um 500 fest in Händen der Franken.

 

Nun begann eine intensive Neubesiedlung unseres Raumes, ein Vorgang, den man die „Fränkische Landnahme" nennt. Sie vollzog sich über eine lange Zeit, begann aber schon unter den Merowingern (ab 500) und dauerte ohne Unterbrechung bis ins 7. Jahrhundert. Danach war das Siedlungsbild Rheinhessens gänzlich verändert: Während einige Römerstädte wie Mainz, Worms oder Bingen weiter Zentren von Kirche und Verwaltung blieben, gaben die Franken die römischen Gutshöfe völlig auf und siedelten - wie die Kelten - wieder in geschlossenen Dörfern. Von diesen Siedlungen wurden bis heute kaum Reste ausgegraben, einfach deshalb, weil sie genau an der Stelle der jetzigen Ortskerne liegen. Typisch für die frühen fränkischen Ansiedlungen war, daß sich oberhalb von ihnen große Friedhöfe befanden, auf denen die Toten in langen Reihen nebeneinander bestattet wurden; gemeinsam war den fränkischen Dörfern aber auch, daß ihre Namen stets auf-heim endeten. Obwohl für Appenheim ein Reihengräberfriedhof nicht nachzuweisen ist, kann man doch annehmen, daß unser Ort eine fränkische Gründung ist. Darauf deutet schon die - auch im übrigen Rheinhessen ja massenhaft auftretende -Ortsnamenendung auf -heim hin, außerdem die von den Franken so gern gewählte Muldenlage, nicht zuletzt aber auch der Zeitpunkt, für den ein schriftliches Dokument über Appenheim vorliegt. Verfasser: Dr. Franz Dumont aus Mainz Beitrag von 1983

 

 

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Die erste urkundliche Erwähnung

In den letzten zwei Jahrzehnten begingen viele rheinhessische Gemeinden ihre Zwölfhundertjahrfeier. Anlaß dazu war meist ihre Erwähnung im "Codex Laureshamensis", einem Güterverzeichnis der Abtei Lorsch. Dieses Kloster an der Bergstraße wurde 764 gegründet und schon bald von den fränkischen Königen mit vielen Vorrechten und großem Landbesitz - u.a. in Rheinhessen - ausgestattet. Ein ähnliches „Reichskloster" war auch die 721 gegründete Abtei Prüm in der Eifel. Auch hier sollte nicht nur gebetet und gearbeitet, sondern zudem die geistig-politische Führungsschicht des Frankenreiches ausgebildet werden. Um diese Aufgaben zu finanzieren, und um etwas für das eigene Seelenheil zu tun, schenkten viele fränkische Könige und Adlige auch diesem Kloster umfangreichen Grundbesitz, der schließlich zwischen der Bretagne und dem Rhein, zwischen Burgund und Holland verstreut lag. Um 900 und 1100 ließen die Prümer Äbte alle Urkunden über die Rechte und Besitztümer ihres Klosters abschreiben. In diesem prachtvoll verzierten Verzeichnis, dem "Liier aureus" oder „Goldenen Buch" der Abtei Prüm, das heute in der Trierer Stadtbibliothek verwahrt wird, findet sich ein Vertrag vom 26. Februar 882, mit dem das Kloster einem gewissen Hartmann mehrere Güter zur lebenslänglichen Nutznießung (Prekarie) überließ. So heißt es dort, man überlasse dem Ritter auch das

 

"quicquid nostrum erat ad iencingon et ad appenheim et ad druhtmaresheim"


zu deutsch:
„was uns in Gensingen, Appenheim und Dromersheim gehörte."

 

Das ist die früheste schriftliche Nennung unseres Ortes, und zwar in einer Urkunde, dem für das Mittelalter so wichtigen und typischen Rechtsdokument. Diese erste urkundliche Erwähnung bedeutet natürlich nicht, daß Appenheim damals erst gegründet wurde, sondern ist der sichere Nachweis dafür, daß es bereits bestand. Der Historiker, der sich in erster Linie ja an schriftliche Aufzeichnungen zu halten hat, kann also davon ausgehen, daß unser Ort spätestens seit Ende des 9. Jahrhunderts vorhanden ist. In Wirklichkeit ist Appenheim aber älter: Schon die Tatsache, daß in dem Vertrag von Land, das bereits dem Kloster Prüm gehörte, die Rede ist, deutet darauf hin, daß es auch in Appenheim königliche Güter gab, wie sie z.B. Pippin der Jüngere 751/61 den Prümer Mönchen vermachte. Zudem bestanden in Appenheim Verbindungen zum Prümer Gutshof in Gensingen, das seinerseits schon 768 erstmals erwähnt wird. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß es Appenheim zu diesem Zeitpunkt schon gab. Auch der Ortsname weist auf ein höheres Alter als das der ersten urkundlichen Erwähnung hin, denn die Endung stammt eindeutig aus der Zeit der Fränkischen Landnahme, die ja um 700 abgeschlossen war. Der erste Teil geht wohl auf eine Persönlichkeit zurück. Wie z.B. Bodenheim als „Haus des Bodo" gedeutet wird, so hat man unter Appen-Heim den Wohnsitz eines Appo oder Abbo zu verstehen. Dieser war vermutlich ein fränkischer Freier, der bei der Gründung des Ortes oder in den ersten Jahren danach eine entscheidende Rolle spielte. Weil so gut wie alle rheinhessischen Ortsnamen, die auf-heim enden, aus der Verbindung mit solchen, freilich oft verstümmelten Personennamen hervorgingen, ist es auch ziemlich unwahrscheinlich, daß Appenheim vom keltischen Wort für Wasser (,,apa'') abzuleiten sei, was Würth wegen des Wasserreichtums der Gemarkung annahm.

 

Erwähnung von Appenheim (4. Zeile von oben) im Goldenen Buch der Abtei Prüm
Erwähnung von Appenheim (4. Zeile von oben) im Goldenen Buch der Abtei Prüm

So fügt sich Appenheim in das Gesamtbild der rheinhessischen Siedlungsgeschichte ein: Es gehört zur Masse der bei der Fränkischen Landnahme bis 700 gegründeten und im 8./9. Jahrhundert erwähnten Orte unseres Raumes. Daß die meisten Nachbarorte - wie Bubenheim, Gau-Algesheim, Aspisheim und das später verschwundene Bergen - rund 100 Jahre früher erwähnt werden, hängt lediglich damit zusammen, daß sie in dem älteren Lorscher Güterverzeichnis stehen. Mit einem solchen Zufall der Quellenüberlieferung könnte auch die für Rheinhessen recht späte Erwähnung von Nieder- und Oberhilbersheim (1108 bzw. 1163) zusammenhängen; es sei denn, das obere Welzbachtal wäre erst später besiedelt worden, wofür es eigentlich aber keinen Grund gibt. Eine verzögerte Besiedlung ist lange Zeit sogar für Appenheim angenommen worden, denn selbst der gründliche Johannes Würth und sein ebenso zuverlässiger Kollege Karl Brilmayer aus Gau-Algesheim übersahen das Datum 882 und gaben als Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung Appenheims 1132 an. Kleine Ursache, große Wirkung möchte man sagen, denn bis heute bauen auf diesem (falschen) Datum Theorien auf, daß Appenheim und die beiden Hilbersheim wegen der angeblich so ungünstigen Verkehrs- und Höhenlage erst bei einem zweiten Schub um 1000 besiedelt worden seien. Dabei war die Urkunde der Abtei Prüm in einem Buch enthalten, das bereits 1860 erschien und allgemein benutzt wurde. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, daß schon bald ein Streit darüber ausbrach, aus welchem Jahr dieses Dokument stammt. Denn wie fast alle (früh-) mittelalterlichen Urkunden ist auch diese- anders als heute - nicht in Jahren nach Christi Geburt datiert, sondern nach der Regierungszeit des jeweiligen Herrschers.

 

Es heißt, sie sei geschrieben „im sechsten Jahre der Regierung unseres Herrn, des Kaisers Karl". Gemeint ist Karl III., einer der drei Söhne Ludwigs des Deutschen. Karl wurde 876 zum (ost-) fränkischen König bestimmt und 881 in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt. Rechnet man nun vom Regierungsantritt Karls, so ist die "Appenheimer" Urkunde auf 882 zu datieren, zählt man die Jahre seit Beginn seines Kaisertums, dann wäre sie erst 886 oder 887 abgefaßt worden. Zu der ersten Datierung kam Heinrich Beyer, der die Urkunde 1860 abdruckte, zu der zweiten Karl Lamprecht, der 1886 ein großes Werk über die Wirtschaftsgeschichte des Rhein-Mosel-Raumes veröffentlichte. Diesen „Streit der Gelehrten" können wir hier nicht entscheiden, müssen ihn aber erwähnen. Im „schlimmsten Fall" wäre erst 1986 die 1100 -Jahresfeier der ersten Erwähnung Appenheims zu begehen, doch ist die Datierung „unserer" Urkunde auf den 26. Februar 882 historisch ebenso gut zu vertreten.

 

Wie dem auch sei: Nach dem Jahr 890 schweigen die wellen rund 230 Jahre über Appenheim. Sein Name fehlt natürlich im großen Prümer Güterverzeichnis von 893, aber auch in der Urkunde, mit der Otto III. 983 dem Mainzer Erzbischof den Rheingau und das Binger Land unterstellte. Die nächste urkundliche Nachricht von unserem Dorf stammt erst aus dem Jahre 1112; damals bestätigte der Mainzer Erzbischof Adalbert dem Benediktinerkloster Jakobsberg zu Mainz verschiedene Besitzungen an der Nahe „per planitiem usque ad Abpenheimer marcun" (deutsch: „in der Ebene bis an die Appenheimer Gemarkung"). Von nun ab häufen sich die Nennungen Appenheims in Urkunden; bis 1450 finden wir den Ort etwa dreißigmal erwähnt. Nicht immer wird der Name so genau und „modern" geschrieben wie in der Prümer Urkunde von 882, es ist von "Appenheym, Abpinheim, Appinhem, Apenheim" die Rede. 1132 bestätigt der Mainzer Erzbischof dem Rheingauer Klosterjohannisberg die Stiftung einer Adligen in Appenheim, 1184 einigen sich die Klöster Rupertsberg/Bingen und Altmünster/Mainz über Besitzungen in unserem Ort. Appenheimer Äcker und Wingerte scheinen im Mittelalter sehr begehrt gewesen zu sein, denn immer wieder geht :, in den Urkunden um den Besitz oder die Nutzung solcher Güter. Interessant sind auch die an den Verträgen beteiligten Personen und Parteien, meist Klöster und Adlige aus dem mittelrheinischen Raum. Wir stoßen auf Mainzer Erzbischöfe und Stiftsgeistliche, aber auch auf politisch so mächtige Edelleute wie Werner von Klolanden, der auch Besitz in Appenheim hatte. Zwei Urkunden, in denen unser Dorf erwähnt wird, sind sogar von Päpsten ausgestellt: 1148 bestätigt Papst Eugen III. dem m der Nahe gelegenen Kloster Disibodenberg etliche Güter, darunter Felder in Appenheim, 1185 stellte Papst Lucius III. dem Kloster Rupertsberg eine ähnliche Bestätigung aus. Solche, sehr feierlich mit der Anrufung des Dreifaltigen Gottes beginnenden Papsturkunden, die sich vorwiegend mit Besitzfragen befaßten, waren im Mittelalter keineswegs selten, doch kann nicht jede rheinhessische Gemeinde darauf erweisen, so wie Appenheim von einem päpstlichen Kanzleischreiber in Metz und Verona aufgeführt worden zu sein. Verfasser: Dr. Franz Dumont aus Mainz Beitrag von 1983

 

 

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Vom Wormsgau zur Kurpfalz

In den genannten Urkunden erscheinen zwar schon viele) ener Personen und Mächte, die für die rheinische Geschichte im Mittelalter von Bedeutung waren, doch erfahren wir darin wenig über die staatliche Zugehörigkeit von Appenheim in dieser Zeit.

Seit dem Zusammenbruch der Römerherrschaft unterstanden die Appenheimer fast immer den Franken, deren „Reich" allerdings zu Anfang nur ein loser Bund von Stammeskönigtümern war. Erst Pippin dem Jüngeren (751-768) und dem zum Kaiser aufgestiegenen Karl dem Großen (768-814) gelang es, daraus einen gut organisierten Staat zu machen, der vom Atlantik bis an die Elbe und nach Italien reichte. Regiert . wurde das Karolingerreich von mehreren "Pfalzen", befestigten Palästen, die der Kaiser 0 oder bei großen Städten anlegen ließ; eine der Lieblingspfalzen Karls des Großen war das benachbarte (Nieder-) Ingelheim. Nach Karls Tod (814) versuchten seine Söhne zunächst, das Reich gemeinsam zu regieren, was jedoch im Bruderkrieg ende 843 wurde deshalb das Frankenreich geteilt, allerdings ohne Rücksicht auf Sprach- oder Volkstumsgrenzen. Der größte Teil des linken Rheinufers kam zum Mittelreich des Kaisers Lothar (daher „Lothringen"), nur ein Abschnitt zwischen Weißenburg/ .saß und Bacharach kam „wegen der Menge des Weines" an das von Ludwig dem Deutschen regierte Ostfrankenreich, der Keimzelle des späteren Deutschland.

 

Trotz der Teilungen hatte sich auch im ostfränkischen Reich zunächst einiges vom Verwaltungsaufbau aus der Zeit Karls des Großen erhalten, allem voran die Einteinlung des Landes in „Gaue". Das waren Amtsbezirke, die von Beauftragten des Königs, den Gaugrafen, verwaltet und meist nach großen Städten, wichtigen Flüssen oder Bergen benannt wurden. So hieß es in der Prümer Urkunde von 882, daß Appenheim „in pago wormacense", zu deutsch: im Wormsgau liege. In der nächsten Urkunde über den Ort Auskunft gibt (1112), wird Appenheim als Dorf im Nahegau bezeichnet. Inzwischen hatte sich einiges verändert: Nicht nur, daß der Nahegau nun fast das ganze nördliche Rheinhessen umfaßte; vielmehr waren die Gaue jetzt keine politischen, sondern fast nur noch landschaftliche Einheiten. Denn seit den Ottonenkaisern (919-1001) wurden diese älteren Verwaltungsbezirke sozusagen „durchlöchert", indem die Kaiser große Gebiete aus ihnen herauslösten und sie Bischöfen oder Äbten als Herrschaftsbereiche unterstellten. Ein Beispiel dafür ist die erwähnte Übergabe von Bingen und seiner Umgebung an den Mainzer Erzbischof im Jahr 983. Damals wurde die bunte politische Landkarte des späten Mittelalters, die bis zur Franzosenzeit bestand, grundgelegt. Doch darf man für die Zeit um 1000 nun nicht an genau voneinander abgegrenzte „Staaten" denken; vielmehr bestanden zahlreiche ältere Bindungen noch über die neuen Grenzen hinweg. So auch in Appenheim, dessen Zugehörigkeit zum Binger Burgbann (siehe den Aufsatz von Dr. Günter Groß), wie sie noch 1410 und 1552 festgehalten wurde, auf frühere Beziehungen zur Rhein-Nahe-Stadt hinweist. Den Gaugrafen blieben im Hochmittelalter nur noch unzusammenhängende Gebiete oder einzelne Orte, in denen sie ihre Aufgaben und Rechte wahrnehmen konnten. So in Appenheim, wo wir für diese Zeit Besitzungen der hiesigen Gaugrafen aus dem Geschlecht der Isalier" nachweisen können. Nachdem diese Adelsfamilie, die ja mehrere deutsche Kaiser stellte, ausgestorben war, fielen ihre Güter zurück ans Reich.

 

Ebenfalls um 1100 setzten sich in unserem Raum die rheinischen Pfalzgrafen fest. Ursprünglich waren sie die an der Aachener Pfalz wirkenden Hofverwalter und Stellvertreter des Kaisers, die ihren Einflußbereich im Lauf der Zeit auf Eifel und Hunsrück verlegt hatten. Hermann, der letzte dieser rheinischen Pfalzgrafen, saß auf Burg Stahleck in Bacharach und geriet mit dem energischen Friedrich Barbarossa in Konflikt. Der Kaiser setzte ihn schließlich ab, was er noch mit der damals üblichen Schandstrafe des Hundetragens verband.

 

Kurz darauf, im Jahr 1156, übergab Barbarossa seinem Halbbruder Konrad von Staufen die wehgestreuten Besitzungen Hermanns. Dazu gehörte auch die Burg Stromberg mit etlichen Dörfern im „Wald" (= Hunsrück) und im „Gau" (= Rheinhessen); eines dieser "Gaudörfer" war Appenheim. So kam unser Ort zur „Pfalzgrafschaft bei Rhein`; deren Regierungssitz zunächst in Alzey, dann in Heidelberg lag. Nur kurz, von 1311 bis 1324, war Appenheim mit den anderen Dörfern, „welche von altersher zur Burg Stromberg gehören", verpfändet, und zwar an die damals noch mächtigen Hunsrücker Grafen von Sponheim, denen übrigens auch Oberhilbersheim gehörte. Die Verpfändung war ein im Mittelalter bei Fürsten sehr beliebtes Mittel, die eigene Geldnot rasch zu beheben; die Bewohner des Gebietes wurden dabei nie gefragt, wechselten aber auch eher gleichgültig ihren „gnädigen Herrn". Als Appenheim wieder zur Pfalzgrafschaft zurückkehrte, war diese längst an das bayerische Herrscherhaus der Wittelsbacher übergegangen, von dessen verschiedenen Linien das Dorf nun fast sechshundert Jahre lang regiert wurde. Seit 1356 gehörten die Pfalzgrafen auch zu den „Kurfürsten", also jenen sieben geistlichen und weltlichen Fürsten, die den deutschen Kaiser wählten. Ihr Land hieß deshalb bald die „Kurpfalz". Die Übernahme der Kurwürde fiel in eine Zeit, als die Macht des mittelalterlichen deutschen Kaisertums längst gebrochen war.

 

Planmäßig gingen nun alle Fürsten daran, ihre oft wehverstreuten Länder und Ländchen zu verwaltungsmäßig gegliederten Territorien umzugestalten. Freilich schaute bei dieser Gebietseinteilung immer die frühere Zugehörigkeit durch: So zählte Appenheim wie einst zu Stromberg, dessen Bezirk nun ein „Oberamt" bildete; Oberhilbersheim wurde selbst nach seinem Übergang an Kurpfalz von Kreuznach aus verwaltet, wo früher die Sponheimer Grafen gesessen hatten. Am Ausbau des Territoriums arbeiteten natürlich auch die Nachbarfürsten, so der Kurfürst und Erzbischof von Mainz, dem z.B. Gau-Algesheim gehörte. Die einzelnen Fürstentümer grenzten sich voneinander ab, und die noch im Hochmittelalter so oft veränderte politische Landkarte erstarrte zum Mosaik kleiner und kleinster Gebiete, das bis 1797 bestehen blieb. Appenheim wurde kurpfälzischer Grenzort gegenüber dem kurmainzischen Gau-Algesheim. Auf der Algesheimer Seite waren nun Landes- und Gemarkungsgrenze identisch. Sie verlief entlang der Dünnbach und dem „Landgraben", dann an der Boller'schen Mühle vorbei in Richtung Ingelheim; auf der Kurmainzer Seite war die Grenze durch einen Graben mit Wall und Hecken markiert bzw. „befestigt". In Appenheim amtierten seit dem späten Mittelalter Zöllner, die Waren- und Wegegebühren erhoben. Wie stark die pfälzisch-mainzische Grenze im Bewußtsein der Leute blieb, zeigt die Tatsache, daß unser Dorf auch heute noch für manche Algesheimer "do. hinne in de Palz" liegt. In Appenheim selbst gibt es noch einen Grenzstein, der die Symbole von Kurmainz und Kurpfalz, Rad und Löwen, zeigt. Die Lage an der Grenze zwischen zwei Territorien blieb für die Appenheimer nun jahrhundertelang etwas selbstverständliches. Verfasser: Dr. Franz Dumont aus Mainz Beitrag von 1983

 

 

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Dorfleben im Mittelalter

 

Karte um 1789
Karte um 1789

Noch beständiger als die politischen waren die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie sich seit etwa 1100 herausgebildet hatten. Lebensformen und Lebensbedingungen der Appenheimer entsprachen ganz dem „Feudalzeitalter", wie man das Mittelalter auch nennt, und es ist sicher interessant, einmal dem Alltag im Appenheim dieser Zeit nachzugehen.

Wie sah unser Dorf damals aus? Von weitem wird das Ortsbild einen ähnlichen Eindruck wie heute gemacht haben: ein Haufendorf, dessen Kern sich um die (jetzt evangelische) Pfarrkirche scharte.

 

Diese Kirche war ein romanischer oder gotischer Bau und hatte - wie wir aus späteren Beschreibungen wissen - einen auffallenden Turm. Auf dem Kirchhof stand noch eine Kapelle, die als „Beinhaus" für die Knochen aus aufgelassenen Gräbern diente. Wie viele rheinhessischen Kirchhöfe war auch der in Appenheim befestigt; eine fast zwei Meter dicke Mauer, wohl mit Schießscharten, Laufgängen und kleinen Türmen versehen, umgab den Friedhof. Hier konnten die Appenheimer bei den recht häufigen Kleinkriegen der Adligen und Landesherrn, den „Fehden", Zuflucht suchen. Einen gewissen Schutz vor ungebetenen Eindringlingen bot außerdem die Ortsbefestigung. Rings um das Dorf zog sich ein Graben mit einem Wall, der mit Hecken dicht bepflanzt war und an der Südostseite noch durch die Wethbach verstärkt wurde.

 

Drei hölzerne Tore (am Ende der Obergasse sowie an den Ortsausgängen nach Gau-Algesheim und Niederhilbersheim) konnten notfalls verschlossen und die Brücke über die Wethbach hochgezogen werden. Die Abschirmung nach außen zeigen auch heute noch die vielfach fensterlosen Rückwände der Gehöfte, die am (alten) Ortsrand liegen. Mehr einen Sichtschutz boten die hohen Ulmen, die den Ort an der Nordostseite umgaben; es waren schließlich über 80 solcher "Effen", die die Appenheimer den neugierigen Blicken vom Westerberg entzogen. Innerhalb dieser Befestigung war das Dorf wesentlich lockerer bebaut als heute, scheinen sich schon die ältesten Bauernhöfe zunächst um die Pfarrkirche geschart zu haben, während die Obergasse wohl eine spätere Erweiterung in Form eines „Straßendorfes" ist. Typisch war auch, daß es außer dem Straßenkreuz von Ober- bzw. Niedergasse und Hauptstraße ursprünglich fast nur Sackgassen gab, was fremden Eindringlingen ein rasches Entkommen erschweren sollte.

 

Grundriß um 1830
Grundriß um 1830

Die alte Appenheimer Bauweise läßt sich heute noch am Grundriß mancher Hofraite erkennen: Es ist das bekannte fränkische Gehöft mit seinem großen, zur Straße gelegenen Tor und einer hufeisenförmigen Hofanlage (Wohnbau, Stall und Scheune). Gedeckt waren auch die Appenheimer Häuser mit einheimischem Material wie Ziegeln oder Schindeln; nur die wichtigeren Bauten - wie Kirche oder Pfarrhaus - besaßen vielleicht ein Schieferdach. Die Dächer hatten sicher alle die in Rheinhessen so weit verbreitete Form des "Krüppelwalmdaches", wie es heute noch am Rathaus und am Pfarrhaus zu sehen ist. Die meisten Häuser waren aus Stein errichtet. Fachwerk war selten, schon deshalb, weil es in der Gemarkung so gut wie keinen Wald gab und Appenheim - im Gegensatz zu manchen Nachbargemeinden - im vorderen Hunsrück kein "Beholzigungsecht" besaß.

 

Für viel Geld mußte man das Holz von dort einführen, was vermutlich auf dem heute noch vorhandenen „Holzweg" geschah, der genau in Richtung auf die ergiebigen Wälder zwischen Bingen und Stromberg führte. Die Holzarmut der kurpfälzischen Dörfer Rheinhessens gab im übrigen Anlaß zu dem mittelalterlichen Sprichwort: "Hätt die Pfalz Heu und Holz, sie wär noch einmal so stolz". Appenheims Mangel an Wald wurde in gewisser Weise durch den Reichtum an Wasser ausgeglichen; schon früh gab es hier fünf Mühlen, von denen eine am Wethbach, die anderen aber am Wehbach liegen.

 

Damit haben wir schon den befestigten Ort verlassen und befinden uns in der Gemarkung Appenheim, die ihren Umfang seit der Ortsgründung im frühen Mittelalter nie geändert hat. In der freien Flur gab es damals sicher mehr Wald, oder besser: Gehölz als heute, vor allem im Wethbachtal Richtung Aspisheim, aber auch zahlreiche Weiden am Wehbach. Am Rand der Äcker standen vielfach Obstbäume, die mit einigen Weinstöcken manchmal eine regelrechte „Mischkultur" bildeten. Wesentlich geringer als heute waren die Weinbergsflächen, die- nach den ältesten Verzeichnissen - nur knapp ein Zehntel der bebauten Fläche ausmachten. Das übrige wurde meist als Ackerland genutzt, anscheinend noch sehr lange in Form der uralten Zweifelderwirtschaft, die nur einen jährlichen Wechsel zwischen Getreide und Brache kannte. Dennoch waren die Erträge offenbar recht hoch, denn Appenheim wird schon im Mittelalter als „gut angebauter Ort" erwähnt.

 

Über Nutzung und Beschaffenheit der Appenheimer Gemarkung im Mittelalter geben uns auch die Flurnamen Auskunft. Sie sind in der damaligen Zeit entstanden und für Appenheim erstmals um 1300 nachweisbar. Nicht immer ist ihr Sinn einfach und eindeutig zu klären, zumal sie im Lauf der Jahrhunderte vielfach verändert und oft bloß nach den Regeln der Schriftsprache gedeutet wurden. Ganz klar sind natürlich Ortsbezeichnung wie „Engelstadter, Oberhilbersheimer, Ingelheimer" oder „Mainzer Weg". Der "Berger Weg" führte nach Bergen, eine Siedlung anstelle des Laurenziberges, die bereits 767 erwähnt wurde, dann Pfarrort für Oberhilbersheim war, im Spätmittelalter an Bevölkerung abnahm und um 1500 aufgegeben wurde. Eine solche "Wüstung" meint vermutlich auch der Appenheimer Flurname "Höningen" in der Südwestecke der Gemarkung. Den Wasserreichtum des Ortes zeigen Bezeichnungen wie "Brühl" (feuchtes, gutes Wiesenland in Dorfnähe), „Dünnbach" (kein „dünnes" Rinnsal, sondern wohl eine Verkürzung aus "Dimpel/Tümpel", d.h. nasses, sumpfiges Land) und "Sother", ein Ausdruck für sumpfige Stellen im Gelände; außerdem natürlich die zahlreichen „Borne" (Eber-, Johann-, Rechen-, Scheiter-, Steck- und Rosselborn). Dieser letzte Flurname weist zudem auf Rossel, also loses Gestein bzw. Geröll hin. Mit der Bodenbeschaffenheit hängt auch die Bezeichnung „auf dem Klopp" und „vor dem Klopp" zusammen, denn „Klopp" bedeutet soviel wie „Fels", wonach z.B. auch die „Burg Klopp" in Bingen benannt ist. Die Flurnamen „linke Klauer" und "Rohrklauer" weisen auf früher bestehende, kleine Gehölze hin, wobei der zweite eine Baum- oder Buschgruppe auf feuchtem Untergrund, vielleicht mit Schilfrohr durchsetzt, meint. Die Flur „Hinter Ellern" ist nach einem Edengehölz benannt. Des öfteren beziehen sich die Flurnamen auch auf häufig vorkommende Tiere, so beim Appenheimer "Atzet=' bzw. "Hetzelberg", der durch den heute noch gebräuchlichen Mundartausdruck für „Elster" leicht zu erklären ist. "Daubhaus" hat wohl etwas mit einem Taubenschlag oder -nest zu tun, und am "Eberborn" tauchten vermutlich bisweilen Wildschweine auf. Die „Rabenschule" deutet auf Krähenschwärme in dieser Flur hin; doch wird der Name manchmal auch als alte Gerichtsstätte mit Galgen gedeutet. Man sieht, wie unterschiedlich und schwierig die Deutung von Flurnamen sein kann. Das gilt z.B. auch für die Appenheimer „Fledermaus", womit wohl kaum dasselbe Tier wie heute gemeint ist, denn das hieß früher hierzulande „Speckmaus". Viel eher hat man an eine Wiese mit vielen Schmetterlingen zu denken, die in Rheinhessen auch „Fledermäuse" genannt wurden. Vielfach lasen die Flurnamen auch Rückschlüsse auf eine ältere Nutzung zu, so die Bezeichnung ,Im Bangem", die aus „Baumgarten" entstand, also die Bebauung mit Obstbäumen weint (vgl. „Wingert" und „Weingarten"). Vielleicht ist auch die „Dörrwiese" nicht einfach ein (zu) trockenes Stück Land, sondern die Stelle, an der die Appenheimer im Mittelalter ihren Flachs, den sie zuvor in einzelnen Stengeln gewässert hatten, nun e rockneu („dörren") ließen. Einfacher sind „Ernteweg" und "Eselspfad" zu deuten, denn auf ihnen wurde die Ernte ins Dorf bzw. das gedroschene Getreide von Eseln um Müller gebracht. Leicht verständlich ist auch die Bezeichnung „am Gemeindebirnbaum"; auf Land, das allen Bauern gemeinsam gehörte, weist zudem der Name auf dem Angel" hin, womit der „Anger" gemeint ist, also der Versammlungsund Festplatz einer mittelalterlichen Dorfgemeinde. „Im Kerner" hängt mit dem erwähnen „Beinhaus" zusammen, denn der Name ist von dem lateinischen Wort "carnarium" (Fleischkammer) abgeleitet. Am „Steinern Kreuz" stand wahrscheinlich einer der im Mittelalter so beliebten Bildstöcke, wie es sie noch heute in Süddeutschland („Marterl") oft gibt. An einen früheren Besitzer erinnert der Name „Eidersberg", wo schon 1347 Weingärten bezeugt werden; ebenso die „Hundert Morgen" nach einer Urkunde von 1313 „den munichen", also den Mönchen von Johannisberg gehörten. Die "Eidgewann" wechselte - wie im Mittelalter vielfach üblich - wohl mit einem Schwur den Besitzer, und die Bezeichnung „Im Freitag" könnte auf einen Bearbeitungs- oder Abgabetermin hinweisen.

 

Diese hier in Auswahl vorgestellten Flurnamen blieben über Jahrhunderte unverändert, wohl auch deshalb, weil sich die Besitz-und Lebensverhältnisse wenig wandelten. Denn im Mittelalter zeichneten sich Wirtschaft und Gesellschaft durch große Beständigkeit aus. Die seit der Karolingerzeit entstandene „Feudalgesellschaft" wurde als ewig gültige, gottgewollte Ordnung hingenommen, selbst wenn man m ihr nur eine untergeordnete Rolle spielte. Überall herrschte die „Ständegesellschaft", in der Ansehen und Einfluß durchweg nicht auf Leistung oder Besitz, sondern auf der „höheren" oder „niederen" Geburt des Einzelnen beruhten. Auch in unserem Dorf standen daher Adlige an der Spitze der Gesellschaft. Es waren die "Edelknechte von Apoenheim", die erstmals 1295 erwähnt werden und bis ins 15. Jahrhundert in Dutzenden von rheinischen Urkunden vorkommen. Diese Ritter wohnten in einem stark befestigten Hof nahe der Pfarrkirche, hatten aber auch auswärts großen Landbesitz, z.B. in Dexheim, Schornsheim und Mauchenheim. Zudem übten sie hohe weltliche und geistliche Ämter aus, wie das eines Verwalters von Burg Klopp in Bingen oder von Domgeistlichen in Mainz und Worms. Das Wappen dieser Ritter ist wohl das Vorbild des heutigen Gemeindewappens, denn auf ihm sehen wir in rotem Feld einen silbernen bzw. weißen Schrägrechtsbalken, in dem sich drei rote Kugeln befinden. Wann diese Ritter von Appenheim ausgestorben sind, ist unklar, doch kommen sie als "reynländische" Adlige noch in einem Wappenbuch des 17. Jahrhunderts vor. Die übrigen Bewohner des mittelalterlichen Appenheim waren-bis auf fünf Müller - alle Bauern und solche „niederen Standes" bzw. „unfrei", d.h. in irgendeiner Weise rechtlich und wirtschaftlich abhängig. Allerdings war kein Appenheimer der Leibeigenschaft unterworfen, die hierzulande ohnehin nur eine finanzielle Belastung durch Sondersteuern bei Heirat und Erbfall bzw. eine Beschränkung beim Wohnsitzwechsel war. Nach alten Quellen wurde Appenheim nämlich ausdrücklich als „von jeder Leibherrschaft" ausgenommen und als "freyzügicht" anerkannt. Dagegen lebten fast alle Einwohner unseres Dorfes unter der Grundherrschaft. Das war die im mittelalterlichen Westdeutschland übliche Form des Besitzes und der Bewirtschaftung des nutzbaren Landes: Die „Grundherren" (Freie, Adlige, Fürsten und Geistliche) als die eigentlichen Grundbesitzer bewirtschafteten ihre lecker und Wingerte nicht (mehr) selbst, sondern hatten ihre Ländereien in einzelnen „Hufen" an die „Hübner" ausgeliehen, und zwar gegen bestimmte Auflagen. Diese bestanden zum einen in der Lieferung von Naturalien, einer bestimmten Menge Wein, Getreide, Obst oder Tieren„ zum anderen in "Frondiensten", d.h. in unentgeltlichen Arbeitsleistungen (meist Transporte) des Bauern für seinen Herrn. Abgaben und Frondienste mußten zu bestimmten Festtagen - wie Martini, Weihnachten, Fastnacht oder Ostern - geleistet werden. Die Grundherren lebten von diesen Lieferungen und Arbeiten ihrer „Grundholde".

Diese waren dadurch ständig belastet, wurden aber durchweg nicht ausgebeutet, weil es den Grundherren weniger auf Profit als auf eine bequeme Lebensgrundlage ankam.

 

Freilich war von den ursprünglichen Gegenleistungen des Grundherrn (militärfacher und rechtlicher Beistand) im Spätmittelalter nicht mehr viel übrig. So war die Grundherrschaft auch in Appenheim damals mehr ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis der Bauern zu einem geistlichen oder weltlichen Grundbesitzer. Neben auswärtigen Adligen - wie z.B. Werner von Bolanden - waren vor allem kirchliche Institute Grundherren in Appenheim. So die Kanoniker des Mainzer Stephansstiftes, mit denen unsere Gemeinde 1368 eine große Auseinandersetzung um die den Geistlichen zustehenden Abgaben an Korn und Wein hatten. Grundbesitz mit entsprechenden Rechten hatten in Appenheim außerdem das Mainzer Domstift sowie die Klöster Eberbach, Johannisberg, Jakobsberg und Rupertsberg. Allein diese Binger Abtei besaß über 200 Morgen Land, meist ocker und Weinberge; ja, man kann annehmen, daß im Spätmittelalter mehr als die Hälfte der Appenheimer Gemarkung sich im Besitz der Kirche befand.

 

Trotzdem hatten nicht die Stifter und Klöster, sondern die Pfalzgrafen das letzte Wort im mittelalterlichen Appenheim, denn sie besaßen - vermutlich schon seit 1156 - die Ortsherrschaft. Sie bestand vor allem in der „hohen" Gerichtsbarkeit, d.h. in der Befugnis, schwere Vergehen wie Mord, Raub und Vergewaltigung zu bestrafen. Für die Rechtspflege und militärischen Schutz standen dem Ortsherrn verschiedene Abgaben zu, voran die "Beede" (eine Kopfsteuer), dann auch die „Atzung" für die Beamten, später noch die nach Wert und Umfang der jeweiligen Güter berechnete .,Schatzung". All das wurde meist in Naturalien nach Stromberg geliefert; so hatten die Appenheimer gegen Ende des Mittelalters 29 Malter Korn und - entsprechend der Zahl ihrer „Herdstätten" - 54 (lebende) „Fastnachtshühner" dem Oberamtmann zu bringen. Örtlicher Vertreter des Orts- bzw. Landesherrn war der von Stromberg eingesetzte Schultheiß, der in Appenheim schon für 1368 nachzuweisen ist. In derselben Urkunde ist vom „Gericht" des Ortes die Rede; es bestand meist aus fünf Schöffen, zu denen die Gemeinde wohl ein Vorschlagsrecht hatte. Ein Rest selbständiger Ortsverwaltung waren die beiden „Bürgermeister" -in Appenheim auch „Vorsteher" ,mannt- die zwar nur Gemeinderechner waren, dafür aber von den Bauern gewählt wurden. Auch sie gehörten zum „Ortsgericht", das-wie in Aspisheim und Niederhilbersheim - zunächst unter freiem Himmel vor der Pfarrkirche tagte. Im 16. Jahrhundert entschlossen sich die Appenheimer jedoch, für ihre Gemeindeversammlungen und Gerichtssitzungen ein Rathaus zu bauen. Das hatte gewiß nicht nur praktische Gründe, sondern war-wie in den Nachbargemeinden- Ausdruck eines gestiegenen Selbstbewußtseins. Denn mit dem unten in massiven Steinen, im ersten Stock in schmuckem Fachwerk errichteten Bau erhielt Appenheim eine fast städtische kote, zumal das Rathaus bewußt in den Schnittpunkt der beiden Straßen gestellt worden war. Das Gebäude beherbergte jedoch nicht nur Räume für Gericht und Ortsvorstand, sondern auch das Gefängnis und die Schule - kurz alles, was damals die örtliche Verwaltung in einem „Staat" wie der Kurpfalz brauchen konnte.

 

Die Appenheimer waren aber nicht nur dem Landes- bzw. Ortsherrn und verschiedenen Grundherren verpflichtet, sondern mindestens ebenso den Zehntherren. Die Einrichtung des Zehnten stammte aus der Zeit Karls des Großen und diente ursprünglich i er Besoldung der Pfarrer; nach biblischem Vorbild sollten 10 Prozent von jeder Ernte an den Geistlichen abgegeben werden. Seit dem Hochmittelalter kam diese Abgabe aber nicht mehr den Seelsorgern selbst zugute, sondern jenen Adligen, Fürsten oder Klöstern, die nun als „Patronatsherren" und "Kollatoren" (zu beiden siehe unten) die Pfarrer einsetzten und als "Decimatoren" (Zehntherren) den Zehnten weiterleiteten, natürlich nicht, ohne für sich etwas davon zurückzuhalten. Außerdem gab es inzwischen eine Vielzahl von Früchten, die zu einem Zehntel abgeliefert werden mußten: Neben dem „Wein-Zehnten" mußte der „Große Zehnt" von jeder Art von Getreide, aber auch von Feldfrüchten wie Linsen, Bohnen oder Rüben gegeben werden. Der „Kleine Zehnt" bestand aus Abgaben an Obst, Gemüse und Haustieren (meist Hühnern). Gesammelt wurden all diese Naturalien in einer „Zehntscheuer", von wo sie zu den Gütern des Zehntherrn gebracht wurden. In Appenheim war die spätere Knewitz'sche Mühle die mittelalterliche Zehntscheuer. Feststellbare Appenheimer Zehntherren waren die Hunsrücker Adelsfamilien von Ottenstein, Klingelbach, Koppenstein und Oberstein, die „Knebel von Katzenellnbogen" aus dem Taunus, schließlich die Rheingauer Freiherren von Greiffenclau zu Vollrads.

 

Die vielfachen Bindungen, in denen die Appenheimer gegen Ende des Mittelalters standen, sieht man recht gut am "Gerichtsweistum" unseres Ortes, das zwar erst aus dem Jahre 1589 überliefert ist, das aber wesentlich ältere Zustände festhält, zumal es noch ganz in mittelalterlicher Weise formuliert ist:

 

"Erstlich erkennen wir Gott den Herrn für den obersten aller Herren. Zum anderen weisen wir hier vor den obersten Herrn über Hals und Bein zu richten den durchlauchtigsten hochgeborenen Fürsten und Herrn, Herzog Friedrich und unseres gnädigen Herren Söhne, Herzöge in Bayern, Pfalzgrafen bei Rhein; zum dritten weisen wir zu unserem gnädigen Fürsten und Herren Wasser und Weide, Weg und Steeg, Fron, Atzung, Beede und Steuerjagd und Hegen, Bruch und Frevel und dergleichen, was von Nöten zu dienen nach Ausweisung unseres Gerichtsbuches hierselbsten geboten und verboten. Soviel den Kornzehnten anlangt, so hat erstlich der Junker zu Coppenstein den 5ten Teil, danach der Junker Rudolf von Oberstein den 2ten Haufen, letztlich unser Pfarrherr 1 Teil. Den Weinzehnten anlangend, haben die von Coppenstein den fiten Teil und von Oberstein 2 Teile. Was die Gültkorn anlangt, haben erstlich unsere gnädigsten Herren 29 Malter Korn Binger Maßung, die von Sportheim 8 Malten aber weiter mit keiner Ungnade und Beschwernis behaftet. Das Domstift zu Mainz hat jährlich noch 8 Malter Korn. Hier hat es 5 Mühlen; die Rheingrafen haben davon den Nutzen, die Herrschaft nichts."

Wie man sieht, hatte Kurpfalz keineswegs die meisten Rechte in Appenheim; auch in unserem Dorf war der „Staat" im Mittelalter noch nicht in alle Lebensbereiche und bis zu jedem Einwohner gedrungen. Zwischen Fürst und Untertanen schoben sich noch andere Herren, deren Rechte das Leben der Bauern oft mehr bestimmten. So waren es diese Verpflichtungen sowie die Mühsal von Acker- und Weinbau, die den Alltag der Appenheimer wesentlich bestimmten.

 

Am größten aber war auch hier der Einfluß der Religion, umfaßte sie doch das ganze Leben des mittelalterlichen Menschen. Gute oder schlechte Ernten, Seuchen bei Mensch und Vieh, Regen, Sonnenschein oder Hagelschlag, ja Glück und Unglück überhaupt - alles wurde als Gnade oder Strafe Gottes angesehen. Geburt, Heirat und Tod erlebte man auf dem Lande nicht nur sehr unmittelbar, sie galten auch als Stationen eines von Gott vorgezeichneten Lebensweges. Deshalb stand die Kirche als Vermittlerin des göttlichen Willens im Mittelpunkt des Lebens, und das Gotteshaus war das wichtigste Gebäude im Dorf.

 

Auch in Appenheim, wo 1338 erstmals von einer Pfarrkirche gesprochen wird. Natürlich war die Pfarrei ebenfalls älter als ihre erste urkundliche Erwähnung: Denn wie ganz Rheinhessen wird auch Appenheim spätestens nach Abschluß der Fränkischen Landnahme christlich geworden sein, zumal sich die Frankenkönige seit Chlodwig zum Christentum bekannten. Vielleicht gab es hier sogar Reste christlicher Kultur aus den letzten Jahren der Römerherrschaft. In der Karolingerzeit standen im nördlichen Rheinhessen schon etliche Dorfkirchen, die freilich nicht vom Bischof, sondern meist vom Adel besetzt wurden, und die den typisch fränkischen Heiligen-wie Martin und Remigius - geweiht waren. Appenheim hat aber ein anderes "Patrozinium", denn seine Pfarrkirche war vermutlich nach dem Heiligen Michael benannt. Zwar fehlen dafür exakte urkundliche Belege, doch deuten der Termin der alten Appenheimer Kirchweih (1. Sonntag nach Michaelis) sowie die Errichtung der katholischen Michaelskirche im 18. Jahrhundert darauf hin, daß unsere Pfarrkirche unter den Schutz des Erzengels gestellt worden war. Ein solches Michaelspatrozinium würde jedenfalls auf ein hohes Alter der Kirche, vielleicht auf eine Gründung vor der Karolingerzeit, hinweisen. Wie dem auch sei, im Hochmittelalter gab es in Appenheim eine offenbar ziemlich große Kirche mit einem Turm über dem Chor, einem nahegelegenen „Kerner" (Beinhaus), der wohl dem Hl. Michael geweiht war, sowie dem Pfarrhaus und zwei eigenen "Altaristenhäusern". Deren Bewohner waren Priester, die gegen fromme Spenden Messen an den Altären der Pfarrkirche lasen. Die Appenheimer Kirche hatte immerhin drei Altäre: einen, der dem Heiligen Michael geweiht war, sowie einen Marien- und einen Nikolausaltar. Für die Bewohner des Dorfes waren das Orte, wo sie ihre konkreten Anliegen im Gebet vorbringen konnten. So galt St. Michael als Fürsprecher der Toten und als Beschützer in Gewitter, Hagel und Krieg. Dem Heiligen Nikolaus brachten besonders die Kinder, Armen und Müller ihre Sorgen vor, und die Jungfrau Maria galt als Mutter Christi allen Gläubigen als die große Vermittlerin bei Gott. Vielleicht stand auf ihrem Appenheimer Altar jene Marienfigur mit dem gekreuzigten Christus, die 1909 auf dem Kirchenspeicher gefunden und ins Mainzer Dommuseum gebracht wurde. Wie die Appenheimer Kirche im übrigen aussah, wissen wir nicht, denn ihr Inneres wurde in der Reformationszeit ganz verändert.

 

Dagegen sind wir recht gut über die rechtliche Stellung der Pfarrei Appenheim im Mittelalter unterrichtet. Anders als in Oberhilbersheim umfaßte die Pfarrei Appenheim nur unseren Ort, was auf seine Größe und Bedeutung schließen läßt. 1338 und 1368 wird ein "Plebanus", also Pfarrer von Appenheim erwähnt, 1424 werden zwei Appenheimer Kapläne wegen rückständiger Gebühren gemahnt. Die Pfarrei gehörte - wie es in einer Urkunde heißt - „zum Mentzer Bischtum", lag also in der Diözese des Erzbischofs, die damals vom Hunsrück bis nach Thüringen reichte. Allerdings kam der Appenheimer Pfarrer kaum mit dem Mainzer Oberhirten in Berührung, der ohnehin viel zu sehr mit der großen Politik befaßt war. Zuständig für die Pfarrseelsorge waren nämlich die "Archidiakone", hochgestellte Priester der Bischofsstadt, denen bestimmte Landbezirke zur kirchlichen Verwaltung und Aufsicht zugeteilt wurden. Appenheim gehörte im Mittelalter zum "Archidiakonat" des Propstes von Heiligkreuz in Mainz, dessen Bezirk als "Partenheimer Landkapitel" mit 42 Pfarreien fast das ganze nördliche Rheinhessen umfaßte. Während der Propst in Oberhilbersheim und dem untergegangenen Bergen auch viel Grundbesitz hatte, konnte er in Appenheim nur geistliche Rechte wahrnehmen. Sie bestanden in der Gerichtsbarkeit über die Priester, über Ehesachen und kleinere weltliche Streitigkeiten (z.B. um Wucherpreise und Zehnten), vor allem aber im Recht auf Einsetzung des Pfarrers. Die wiederum konnte der Archidiakon nicht allein vornehmen; denn er durfte nur solche Leute einsetzen, die ihm zuvor von den „Patronats=' oder „Zehntherren" (siehe oben) vorgeschlagen worden waren. Diesem "Praesentationsrecht" der "Decimatoren" entsprach andererseits die Verpflichtung, den Pfarrer und seine Kirche zu besolden und zu versorgen, eine Aufgabe, die allerdings manche Appenheimer Patronatsherren nicht oder nur zögernd erfüllten. Waren sich Patronatsherr und Archidiakon über die Person des Pfarrers einig, dann erhielt dieser vom Erzbischof die Bestätigung, die sog. „Kommende" bzw. die "cura animarum", also die Sorge für die Seelen.

Dieses „Seelenheil" war sicher auch das Lebensziel der meisten Appenheimer im Mittelalter. Mochten sie manchmal über den Zehnten stöhnen oder den Reichtum einzelner „Pfaffen" kritisieren, im Grunde achteten sie ihren Pfarrer doch sehr, zumal er als Vermittler göttlicher Gnade galt. Die Kirche war eben überall im Leben gegenwärtig: Sie bestimmte mit ihren Geboten und Verboten die Moral, sie gliederte durch ihre zahlreichen Feste und Feiertage das bäuerliche Arbeitsjahr und gab ihm Ruhepunkte; sie kam mit ihrer prunkvollen Liturgie dem Anschauungsbedürfnis des Mittelalters und der Landleute entgegen. Schließlich gab es den riesigen Grundbesitz der großen Stifter und Klöster, denen fast jeder Appenheimer Bauer Wein, Getreide, Obst oder Tiere zu liefern hatte. Geistliches und Weltliches waren einfach nicht zu trennen.

 

Appenheim im Mittelalter: Das Leben in einem solchen Dorf war gewiß keine Idylle, sondern bedeutete für die meisten Bauern harte Arbeit, Kampf gegen die unberechenbare Natur und Belastungen durch die Grundherren, die selbst von jeder Steuer befreit waren. Allerdings kann man nicht pauschal von „Elend" und "Unterdrückung" des mittelalterlichen Landvolkes sprechen, zumal der Boden- wie z.B. in Appenheim - oft gute Erträge in Acker- und Weinbau lieferte. Auch wurde gerade Appenheim wegen seiner Lage abseits der großen Verkehrswege von großen Seuchen wie der Pest von 1348 - oder den dauernden Kriegen nur wenig berührt. Es war ein Dorf, in dem Enge und Einheit des mittelalterlichen Lebens lange erhalten blieben. Verfasser: Dr. Franz Dumont aus Mainz Beitrag von 1983

 

 

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Appenheim wird evangelisch

Allerdings gab es in einem, für den damaligen Menschen sehr wichtigen Lebensbereich um 1500 tiefgreifende Veränderungen: Die religiöse Einheit des Mittelalters zerbrach, durch die Reformation kam es zur Glaubensspaltung. Die Bewegung ging hauptsächlich von Deutschland aus und ist mit dem Namen Martin Luther verbunden, dessen Geburt sich gerade 1983 zum 500. Male jährt. Luther war natürlich nicht der erste und einzige, der eine grundlegende Erneuerung (lateinisch: reformatio) der Kirche anstrebte. Schon seit langem störten sich viele Christen an der Verweltlichung der Kirche, an ihrem unermeßlichen Reichtum, dem schlechten Lebenswandel vieler Priester und Bischöfe, dem Machtmißbrauch durch einige Päpste und einer rein äußerlichen Frömmigkeit.

 

Das war der Punkt, an dem Luthers Kritik ansetzte. Als wieder einmal „Ablässe" angeboten wurde, mit denen man sich- zumindest scheinbar- ein Stück ewiger Seligkeit erkaufen konnte, trat der Augustinermönch Luther mit 95 Thesen an die Öffentlichkeit. Darin geißelte er über den Ablaßhandel hinaus die Haltung von Papst und Kirche zu vielen Fragen des christlichen Lebenswandels. Das war 1517. Luther hatte damit nicht nur einen Streit unter Theologen oderwie man in Rom meinte - ein bloßes „Mönchsgezänk" ausgelöst, sondern die gerade vom einfachen Volk immer wieder geforderte „Reform an Haupt und Gliedern" verkündet. Drei Jahre später veröffentlichte er drei Schriften; in ihnen forderte er eine neue Glaubensgesinnung, die allein auf dem freien Willen des Einzelnen und dem Wort der Heiligen Schrift beruhen sollte. Scharfe Angriffe auf Papst, Bischöfe und Kirchenverfassung rückten den Bruch mit Rom in greifbare Nähe. Dieser trat ein, nachdem Luther die päpstliche Bannbulle verbrannt und auf dem Reichstag in Worms (1521) jeden Widerruf abgelehnt hatte. Damit war Luther zum Volksheld geworden. Während er in den nächsten Jahren auf der Wartburg die Bibel in ein kraftvolles und verständliches Deutsch übertrug, wurde die Reformation zu einer Volksbewegung. Fast überall in Deutschland verlangte man die Wahl der Pfarrer durch die Gläubigen, Predigten über das „reine Evangelium" und ein vorbildliches Leben der Geistlichen. Allerdings hatte Luther zwei Bewegungen in Gang gebracht, die er schließlich wegen ihrer Radikalität nicht mehr billigen konnte: den Bauernkrieg und die Wiedertäufer. Beide Strömungen erreichten noch vor der eigentlichen Reformation unsere Gegend.

Der Bauernkrieg, der 1525 von Schwaben bis Thüringen tobte, hatte natürlich auch ältere Wurzeln. Seine Hauptursache war, daß die (oft verarmten) Grundherren seit dem Spätmittelalter von ihren Hübnern immer mehr Abgaben und Frondienste verlangten; zudem sahen sich viele Dorfgemeinden zunehmend in ihren alten Besitzrechten bedroht. Auch machte sich ein lang aufgestauter Haß gegen die Vorrechte von Adel und Kirche bemerkbar, jetzt noch verstärkt durch den Rückgriff auf das sozial verstandene Evangelium.

 

Der Bauernkrieg wurde deshalb am härtesten in den geistlichen Fürstentümern geführt. So erfaßte die Bewegung auch Kurmainz, wo sich vor allem die selbstbewußten Orte des Rheingaus alter Mitsprache- und Besitzrechte erinnerten. Zugleich wurden überall „evangelische" Predigten gehalten, und es ist anzunehmen, daß auch Appenheimer nach Gau-Algesheim und Bingen gingen, um dort „lutherische Pfaffen" zu hören. Dabei hörten sie neben frommen Worten auch die 31 Forderungen, die die Rheingauer dem Mainzer Erzbischof stellten. Dieser schlug jedoch - wie die anderen Fürsten - bald blutig zurück, das Bauernheer lief auseinander, die Rädelsführer wurden in Eltville enthauptet und die Algesheimer - die sich den Rheingauern angeschlossen hatten - mußten hohe Geldbußen zahlen. Inwieweit das Rheingauer Beispiel hier in Appenheim mit seinem riesigen geistlichen Grundbesitz wirkte, wissen wir nicht. Allerdings scheint das Selbstbewußtsein der Appenheimer durch die Niederlage der Nachbarn keineswegs geringer geworden zu sein. Dafür zeugt der jahrzehntelange Streit mit dem Kloster Eberbach, der sich 1515 an Naturalabgaben entzündete, zwischenzeitlich beigelegt wurde, aber nach dem Bauernkrieg (1528) wieder auflebte. Hartnäckig verweigerten die Appenheimer nun jede Abgabe und ließen sich erst auf Drängen und Drohen des Stromberger Amtmanns zu kleineren Lieferungen herbei. Gewiß war das kein Aufbegehren, doch zeigt es, daß die Spannungen zwischen Bauern und Grundherren seit 1525 in Appenheim ebenfalls größer geworden waren.

Auch die Bewegungen der Wiedertäufer hatte Auswirkungen in unserem Raum. Man nannte sie so, weil sie die Kindertaufe ablehnten und statt dessen Erwachsene (nochmals) tauften. Vor allem aber wollten die Wiedertäufer ein „Gottesreich auf Erden" mit vollkommener Gleichheit und Armut schaffen; deshalb lehnten sie jede staatliche und kirchliche Obrigkeit ab. Kein Wunder, daß die Fürsten an Rhein und Nahe nervös wurden, als die Wiedertäufer hier Fuß faßten. Nach dem Bericht eines mainzischen Beamten von 1553 hatten sie ihr Zentrum bei Büdesheim, „lagen aber auch in den Wirtshäusern und trieben sonst um Bingen viel Meuterei".

 

Sicher kamen auch Appenheimer mit ihnen in Berührung, da die Wiedertäufer „vornehmlich im Feld bei nächtlicher Weise ihrer Gewohnheit nach" zusammentrafen. Als dann drei Jahre später kurpfälzische Beamte die religiösen Verhältnisse im Oberamt Stromberg untersuchten, fanden sie auf der Stromburg sechs gefangene „Rädelsführer" der Täufer vor. Deren Vernehmung macht deutlich, warum die Wiedertäufer beim Volk bisweilen recht großen Anklang fanden. Denn, so sagten die Gefangenen aus, "die fürnembste Ursach, von derenwegen sy unsere Kirchen Verlassen, were die Unschiglich(k)ait, das seel- und gottloß Leben irer Pfarrher, da sy bey inen nit kundten befinden das der, so fur sich selber nichts wußte und dazu mit öffentlicher Hurerey und andern Sünden beflegkt were, kundte den Geist Gottes haben, und sie was Guts unterweisen". Neben scharfer Kritik an den „etablierten" Kirchen zeigte ,h hier eine tiefe Enttäuschung über die im Oberamt wirkenden, teils noch katholischen, teils schon lutherischen Seelsorger. Von den Pfarrern des benachbarten Oberamts Kreuznach hieß es zur gleichen Zeit, sie seien „zum größten Teil ungeschickte, grobe Esel". Allenthalben herrschten damals in der Seelsorge verworrene Zustände, und die „Evangelisierung" des flachen Landes ging sicher nur langsam vonstatten.

 

Wenig später hatten sich die Verhältnisse aber schon etwas geklärt: Bereits 1557 wurde Appenheim zu den Pfarreien, „so der neuen Religion verwandt sind", gezählt. Geiß, das neue „evangelische" Bekenntnis entsprach dem Wunsch der meisten Appenheimer, doch wurde es auch stark „von oben" gefördert. Denn die Reformation war damals längst nicht mehr eine bloße Volksbewegung. Vielmehr sah Luther inzwischen, nach seinen schlechten Erfahrungen mit Bauern und Wiedertäufern, in .,n Fürsten die geeigneten Träger der kirchlichen Erneuerung. Deshalb übertrug er ihnen auch die Aufgaben von Bischöfen (die es in seiner Kirche ja nicht mehr gab) und die Sorge um den Aufbau einer neuen Kirchenordnung. Seit 1530 schlossen sich e meisten deutschen Fürsten daher der Reformation an, viele aus Überzeugung, viele allem deshalb, weil sie mit dem Zugriff auf die Güter der aufgelösten Klöster und durch ihr Amt als „Notbischof" mehr Macht erlangten. Schließlich stärkte es die Stellung der Fürsten ganz enorm, als der Reichstag 1555 den „Augsburger Religionsfrieden" verkündete, der alle Untertanen zwang, sich nach dem Bekenntnis des Fürsten zu richten (Grundsatz: „Wessen Land, dessen Religion").

 

Das bekamen auch bald die Appenheimer zu spüren. Ihre Landesherren, die Kurfürsten von der Pfalz, gehörten zu jenen Fürsten, die nur allmählich und relativ spät evangelisch wurden. Nach zaghaften Ansätzen unter Kurfürst Ludwig V. (1508-44) im es nach dem Regierungsantritt Friedrichs II. (1544-1550) zunächst zu einer "Vorreformation", die sich in der Begünstigung lutherischer Prediger und dem Zurückrängen bischöflicher Einflüsse bemerkbar machte. Damals verschwand die alte Einölung des Landes in "Archidiakonate" bzw. „Landkapitel". Um 1550 wurden diese Maßnahmen kurzfristig gestoppt, so daß es in Kurpfalz teils lutherische, teils katholische Seelsorger gab. Der Regierungsantritt des neuen Kurfürsten Friedrichs III. (1559) i achte allerdings eine gründliche Wende: Denn dieser Herrscher trat zum Kalvinismus über, jener nach dem Genfer Jean Calvin (1509-1564) benannten strengeren Richtung des Protestantismus. Mit allen Mitteln des erstarkten Landesfürstentums wurde nun überall in Kurpfalz diese Konfession durchgesetzt, und die bislang lutherischen Appenheimer mußten „reformiert" werden, während die benachbarten Algesheimer - die auch manche Sympathie für die Reformation gezeigt hatten - katholisch bleiben mußten. So wurde die Gemarkungsgrenze zur Konfessionsgrenze, eine Tatsache die manchmal noch heute spürbar ist. Rigoros zwang der Pfälzer Kurfürst seinen Untertanen das neue Bekenntnis auf, dessen wichtigste Grundsätze 1563 im „Heidelberger Katechismus" zusammengefaßt wurden. Die Kurpfalz war eines der wenigen deutschen Länder, die den Kalvinismus - der noch keinen reichsrechtlichen Schutz genoß -übernommen hatte. Um so energischer ging man an den Aufbau einer neuen Kirchenordnung: Appenheim wurde der Horrweiler (später Oppenheim) „Inspektion"unterstellt, die auch die Besetzung der Pfarrstelle regelte. Zwar blieb das Patronatsrecht erhalten, doch erfolgte die Berufung des Pfarrers jetzt natürlich nicht mehr mit Billigung des Mainzer Erzbischofs, sondern nach Übereinkunft zwischen den Junkern von Oberstein bzw. Koppenstein und der „Geistlichen Administration" in Heidelberg, der höchsten kurpfälzischen Kirchenbehörde. Gerade durch die Reformation rückte der Staat den Appenheimern immer näher.

 

Um 1570 dürfte der lutherische Prediger in unserem Dorf von einem reformierten abgelöst worden sein. Diese Reformation „von oben" brachte neben der neuen Organisation eine ganz neue Frömmigkeit nach Appenheim. Nunmehr stand die Bibel ganz im Vordergrund des Glaubenslebens, galt das Wort des Predigers, der durch Erklärung des Alten und Neuen Testaments zu einem mehr verinnerlichten und zugleich strengeren Christentum beitragen sollte. In dem nun einsetzenden Appenheimer Kirchenbuch traten verstärkt alttestamentliche Namen auf, und an vielen Häusern sah man nun biblische Symbole. Die Feldkreuze und Bildstöcke mit den Marien- oder Heiligenbildern verschwanden aus der Flur. Am deutlichsten zeigte sich der Wandel aber an der Pfarrkirche: Sie wurde - getreu der Abneigung Calvins gegen allen Zierat -in eine fast schmucklose Gebetsstätte verwandelt. Die Figuren und Bilder des Heiligen Michael und Nikolaus sowie die Muttergottesstatue verschwanden, ja, das gotische Taufbekken landete auf dem Kirchhof. So gab es auch in Appenheim um 1570 einen amtlich geduldeten „Bildersturm", der vielleicht jedoch nicht ganz so wild wie in Oberhilbersheim verlief. Dort waren - nach einem zeitgenössischen Bericht - „die Götzen, die weil der Mehrheit auf den Altären stand, mitgegangen, und ihrer ein Teil, sonderlich die Gnaden und Ablaßgötzen von den Pfälzischen mit Feuer verbrennet worden".

 

All diese radikalen Maßnahmen wurden bald eingestellt, denn unter dem nächsten Kurfürsten, Ludwig VI. (1576-1583) mußten die Appenheimer wieder ein anderes Bekenntnis annehmen, weil der neue Herrscher ein eifriger Lutheraner war. Allerdings führte Ludwigs Nachfolger Johann Casimir für die gesamte Kurpfalz wieder den Kalvinismus ein. Dabei blieb es nun endgültig, und die 1564 begonnene Ordnung konnte sich festigen. Jetzt setzt auch die Reihe der reformierten Pfarrer von Appenheim ein: Der erste war ein gewisser Johannes Eisenkopf aus Simmern, der von 1585 bis 1602 hier wirkte. Mit ihm zog ein ganz neuer Typ des Seelsorgers in unser Dorf ein. Es waren Männer, die durchweg eine bessere Ausbildung als die katholischen Pfarrer des späten Mittelalters hatten: Die meisten von ihnen stammten aus einem der vielen pfalz-bayerischen Länder und hatten an den damals recht bekannten evangelischen Hochschulen Herborn und Heidelberg studiert. Da sie verheiratet waren, zog in das noch mittelalterliche Pfarrhaus - die "Altaristenhäuser" wurden nicht mehr gebraucht - ein regelrechtes Familienleben ein. Im Pfarrhaus wohnte wahrscheinlich auch ein Lehrer, denn die Reformation hatte gerade dem Schulwesen großen Auftrieb gegeben. Zu regulärem Unterricht fehlte es in Appenheim aber zunächst an Raum, denn in einem Bericht von 1591 heißt es, „So hat es des Orts kein Diaconat, Schul- oder Glockhauß. Es berichten Schultheiß und Eltesten, daß es eine feine jugent an Buben in diesem Flecken, die auch zimblich groß, habe, die wol könnten zur Schulen gehalten werden, könnte auch woll eine gute Gelegenheit zu Uffrichtung eines Schulhauß haben,allein, daß uff Mittel und Wege gedacht würde, daß ein Schuldiener auch außer der Kirchen oder sonsten Underhaltung verordnet werden möchte". Die Heidelberger Behörden reagierten verhältnismäßig rasch, denn 1605 hatte Appenheim ein Schulhaus (neben der Kirche) und einen Lehrer. Das hing sicher auch mit Größe und Fruchtbarkeit unseres Ortes zusammen; hier lohnte es sich, die Jugend auszubilden (eine allgemeine Schulpflicht gab es ja noch nicht). Schon damals zählte Appenheim zu den größten Orten, die der Stromberger Amtmann verwaltete. So ergab ein Bericht des Oberamts von 1589, daß unser Dorf damals "umb 70 Herdstetten", also Haushaltungen, hatte, was eine Einwohnerzahl von etwa 350 bis 400 Personen ergibt. Die Appenheimer Lieferungen an Beede und Atzung, in Gulden oder in Naturalien (Wein, Korn und Fastnachtshühnen) waren ein fester - und großer! - Posten in der Stromberger Kellereirechnung. Als wohlhabendes evangelisches Pfarrdorf ging Appenheim ins 17. Jahrhundert.

 

Zunächst schien auch dieses Frieden und Wohlstand zu versprechen; so konnte 1613/ 14 endlich einmal die Pfarrkirche renoviert werden. Doch dann begann einer der unruhigsten Abschnitte der Appenheimer Geschichte: 1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus. Kurpfalz stand durch die riskante Außenpolitik seines kalvinistischen Herrschers anfangs ganz im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Sie waren zunächst ein Kampf der Konfessionen, der sich aber bald zum Ringen der europäischen Großmächte Österreich, Frankreich, Spanien und Schweden um die Vorherrschaft in der Mitte des Kontinents ausweitete. Mit der ganzen Kurpfalz geriet auch Appenheim rasch in den Wirbel der Kampfhandlungen. Schon 1620 streiften die für den katholischen Kaiser kämpfenden Spanier in der Gegend von Bingen und Kreuznach herum. Bald tauchten sie in Appenheim auf, plünderten etliche Häuser, vergewaltigten einige Frauen und richteten Flurschaden an. Solche Schikanen verübten auch die anderen Besatzungsmächte, doch hatten gerade die Spanier noch mehr vor: Sie versuchten im Laufe der Zeit, die von ihnen besetzten Gebiete wieder katholisch zu machen. Das war jedoch schwerer als erwartet, denn zum einen hielten viele Gemeinden an ihrem evangelischen Glauben fest, zum anderen gab es ständig Reibereien zwischen dem spanischen Hauptquartier in Kreuznach und dem Mainzer Erzbischof, die beide mit ihren eigenen Priestern die Rekatholisierung der pfälzischen Orte durchführen wollten. So blieb der Erfolg begrenzt, doch konnte ein spanischer Beamter am 29. Januar 1627 befriedigt aus Appenheim melden: „Dies versieht der Kaplan von Gau-Algesheim . . . Die Kirche wurde von den Collatoren neu gebaut, aber es fehlen der Altar, der Taufstein und alle Kirchengerätschaften. Einen Lehrer haben sie auch nicht, auch keine Einkünfte für diesen . . . Der Pfarrer ist mit den Seinen zufrieden, er erhofft nach und nach noch Besseres. Die Untertanen wiederum sind auch mit ihm zufrieden und bitten sehr um sein Bleiben." Während sich die Oberhilbersheimer nach demselben Bericht wesentlich hartnäckiger zeigten (zumal der Lehrer dort weiter „verdächtige und ketzerische Bücher" gebrauchte), hatten sich die Appenheimer den Wünschen der Besatzungsmacht zumindest nach außen hin rasch gefügt. Inwieweit das ihrer inneren Überzeugung entsprach, ist schwer zu beurteilen. Neben einzelnen Erfolgen der von Mainz und Kreuznach geschickten Priester dürfte das Streben nach erträglichem Auskommen mit den Spaniern ein Hauptgrund für diese „Konversion" der Appenheimer gewesen sein.

 

Das gleiche gilt natürlich auch für die Zeit der schwedischen Besetzung der Kurpfalz (1613-34), als die Appenheimer wieder evangelisch wurden. Bereits 1630 hatte König Gustav Adolf von Schweden in den Krieg eingegriffen, angeblich nur, um den deutschen Protestantismus zu retten, doch verfolgte er in Wirklichkeit sicher auch machtpolitische Ziele. 1631 besetzten die Schweden Bingen und Umgebung. Erneut mußten die Appenheimer Besatzungslasten tragen, vor allem die kostenlose Verpflegung von Soldaten und die Ablieferung von Lebens- und Futtermitteln sowie Frondienste für das fremde Heer.

 

Zugleich machte auch diese Besatzungsmacht ihre Ansprüche in Glaubensdingen geltend: So mußten die Appenheimer dem gerade erst angenommenen Katholizismus abschwören und wieder evangelisch werden - freilich nicht reformiert, sondern (wie Gustav Adolf selbst) lutherisch. Nach weiteren drei Jahren Krieg, in denen Appenheim wegen seiner Lage etwas besser davon kam als Bingen und Gau-Algesheim, standen 1637 wieder die Spanier im Land. Sie begünstigten natürlich erneut den Katholizismus, zu dem damals wohl einige Appenheimer Familien (z. B. die des Müllers Wetzler) übertraten, und die von Gau-Algesheim aus betreut wurden. Indes scheint diese Rekatholisierung weniger energisch betrieben worden zu sein als die von 1627, denn für die zweite Hälfte des Dreißigjährigen Krieges ist wieder ein evangelischer Pfarrer in Appenheim namens Jakob Kayserswerth nachweisbar. Allerdings hatten die häufigen, erzwungenen Glaubenswechsel die Folge, daß die „Konfession" bei vielen Bauern weniger der inneren Überzeugung als der Einsicht in den Zwang der politischen Verhältnisse entsprach. Auch in der Kriegsführung trat der Glaubensunterschied zurück, denn in den vierziger Jahren kämpfte z.B. das katholische Spanien hier gegen das ebenfalls katholische Frankreich, das mit dem protestantischen Schweden verbündet war. Seit 1644 lagen erstmals auch in Appenheim Franzosen, deren Schikanen gegenüber der Zivilbevölkerung denen der Spanier und Schweden in keiner Weise nachstanden. Die Wirtschaft des Dorfes litt unter den dauernden Anforderungen der Besatzungsmacht und unter der allgemeinen Not des „Großen Krieges". Statt der üblichen 29 konnte Appenheim nur 5 Malter Korn nach Stromberg liefern, und die „Fastnachtshühner" blieben ganz aus. 1646 standen alle Appenheimer Mühlen still.

 

So ging ein Aufatmen durchs Land, als zwei Jahre später bekannt wurde, daß Frankreich, Schweden, Spanien, der Kaiser und das Reich in Münster und Osnabrück den „Westfälischen Frieden" geschlossen hatten. Ausführlich befaßte sich der Vertrag mit Kurpfalz, dem Ausgangspunkt des langen Ringens: Die zwischenzeitlich abgesetzten Pfalzgrafen erhielten Land und Kurwürde wieder, ihr Bekenntnis- der Kalvinismus - wurde nun als dritte Konfession in Deutschland zugelassen. Für die Appenheimer, die in ihrer großen Mehrheit ja „reformiert" geblieben waren, brachte der Frieden zudem einen gewissen Schutz vor weiteren zwangsweisen „Bekehrungen", da jetzt die Untertanen den Religionswechsel des Fürsten nicht unbedingt mitmachen mußten. Allerdings spürte man im Appenheimer Alltag rasch, daß der Friedensschluß zwar das Ende der Kämpfe, nicht aber der Besetzung bedeutete. Denn vertragsgemäß blieben die Franzosen noch bis Anfang 1650 im Land und machten mit ihren Streifzügen noch weitere fünf Jahre unsere Gegend unsicher.

Verfasser: Dr. Franz Dumont aus Mainz Beitrag von 1983

 

 

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"Der beträchtlichste Ort des Oberamts"

Allmählich aber erholte sich das Land. Kurfürst Karl Ludwig (1649-80) betrieb eine klügere Politik als seine Vorgänger, mied außenpolitische Abenteuer, widmete sich dem wirtschaftlichen Wiederaufbau und suchte zumindest die Gegensätze zwischen Lutheranern und Reformierten auszugleichen. So schienen in Appenheim Zeiten des ruhigen Aufbaus anzubrechen, zumal der Ort - ganz im Gegensatz zu Bingen und Gau-Algesheim - nur wenig von der Pest des Jahres 1666 betroffen wurde. Familien wanderten zu, die Äcker und Wingerte waren wieder bebaut, Pfarrei und Schulstelle besetzt, und die Lieferungen nach Stromberg erreichten wieder die alte Höhe. Aus dieser Zeit wachsenden Wohlstands (1678) liegt uns ein Bericht über das Oberamt vor. Zu Appenheim wird darin ausgeführt, es sei ein „Churpfalz eigener Flecken, freyzügicht und keiner Leibeigenschaft zugethan"; die "Territorialjurisdiction und Grundgerechtigkeit" liege bei Kurpfalz, die außerdem den Oberschultheiß und das Ortsgericht ernenne; zum Gericht schlage die Gemeinde allerdings immer „etliche fromme und ehrliche Männer" vor. Frondienste würden nur dem Landesherrn geleistet, dem auch 29 Malter "Beedkorn", 8 Gulden Collecturgeld und 54 Fastnachtshühner zustünden.

 

Als weitere Abgabe an das Oberamt erwähnt der Bericht 12 Gulden "Bastardfall", eine Strafgebühr für uneheliche Geburten, die immerhin von sechs Appenheimern entrichtet werden mußte. Zur noch immer recht komplizierten Aufteilung des Appenheimer Zehnten lesen wir: „Den hießigen Weinzehenden hatten in hießiger Gemarckung gehabt vor dießem lauth Weisthumbs Juncker Knebel und Junker Oberstein; ietzo aber hatt selben der Vicedom im Rheingau, Freyherr von Greiffenclau. An Fruchtzehenden hat dieser Vicedom 7/8 Theil und die Pfarr alhier bekombt den andern 1/8 Theil, wird jährlich der Gemaindt um ein gewißes verliehen". Von der Lage "Daubhaus" gehe der Weinzehnte zu 7/8 an den Pfarrer, zu 1/8 an den Glöckner; beim Korn- und kleinen Zehnten aus dieser offenbar recht fruchtbaren Flur war das Verhältnis 5 zu 1. Weiter wird erwähnt, in der Gemarkung Appenheim entspringe ein kleiner Bach, der durch den Dorfgraben fließe und "Walterdreck" genannt werde, außerdem ein großer Bach, der von Niederhilbersheim komme. Von den fünf Appenheimer Mühlen war damals noch eine verfallen; die übrigen gehörten dem Nonnenkloster Rupertsberg, den Rheingrafen und der Gemeinde. Über die Pfarrkirche - neben der das Schulhaus liege - vermerkt die Beschreibung:„ selbige zu bauen sind die Dezimatores schuldig, auch sie zu unterhalten, auch alles Gebäu, außer die Cantzel, die Männer- und Weiberstühl auff der Erde, welches Kurpfalz bawen lest". Den Bericht unterzeichneten Oberschultheiß Philipp Wiedels und Bürgermeister Martin Schweitzer, sowie Jost Heleman, Christian Knebitz, Johann Stern, Hans Henrich Erben, alle „deß Gerichts zu Appenheim". Die meisten von ihnen waren auch noch sieben Jahre später "Gerichtspersohnen der Gemeindt Appenheim" und zählten - wie aus dem Schätzungsregister von 1683 hervorgeht - zu den reichen Leuten des Orts. In diesen Dokumenten finden sich auch schon die Namen vieler Appenheimer Familien, die lange bestanden und zum Teil noch bestehen, so der Erbes Knewitz, Wetzler, Rodenmeyer, Haas, Dorst, Boller, Porth, Molsberger, Andreae, Schweickard, Hembes, Gehindy, Peter, Schweitzer, Scheidt, Dörrnbach und Lauffenseiller. Mit 73 Familien und 55 „Herdstätten" (1683/85) hatte Appenheim wieder dieselbe Größe wie vor dem Dreißigjährigen Krieg- ca. 400 Einwohnererreicht. Zunehmend sprechen die Quellen von einem „Flecken", einem ausgesprochen großen und wohlhabenden Dorf im Oberamt Stromberg.

 

Doch diese Entwicklung wurde 1688/89 jäh unterbrochen. Die Franzosen standen im Land. Denn in dem Drang nach Ausweitung seines Reiches hatte König Ludwig XIV. von Frankreich einen Krieg um das Erbe des 1685 verstorbenen Pfälzer Kurfürsten begonnen. Als Vorwand dienten dem „Sonnenkönig" die Ansprüche seiner Schwägerin Liselotte von der Pfalz; in Wirklichkeit ging es ihm aber um einen Gebietszuwachs am Rhein. In Metz setzte Ludwig XIV. eine Behörde ein, die die französischen Rechtsansprüche auf pfälzische Gebiete beweisen sollte; zu diesen geplanten „Reunionen" gehörte auch das Oberamt Stromberg. Zugleich ließ der französische König seine Truppen an den Rhein marschieren, und so besetzten Franzosen im Herbst 1688 erneut Appenheim. Wieder mußten die Bauern Wein, Getreide, Stroh und das wertvolle Heu liefern, wieder hungrige Soldaten verköstigen und unzählige Fuhrdienste leisten. Der Appenheimer Schulmeister Johann Andreae klagte, er komme an den Bettelstab, wenn ihm „die von den Franzosen ausgesaugte Gemeinde" nichts mehr gebe; überhaupt sei „keine rechte Obrigkeit mehr im Land". Besonders große Angst herrschte im Dorf, als Ludwig XIV. seinen Truppen befahl: „Verbrennt die Pfalz". Bevor das Land seinem Gegner, dem Kaiser, in die Hände fiel, wollte er es lieber verwüsten lassen. Allerdings sollte die Zerstörung nur militärisch oder wirtschaftlich wichtige Orte treffen. Während so seit 1689 am Mittel- und Oberrhein viele Burgen und Städte von den Franzosen in Brand gesteckt wurden, blieben die Dörfer meist verschont. In Appenheim kam es zwar zu Plünderungen, aber verwüstet wurde der Ort nicht.

 

Trotzdem war der französische Einmarch von 1688 für die Appenheimer schicksalhaft, brachte er doch einen neuen Versuch, ihnen ein anderes Bekenntnis aufzuzwingen. Denn der „Sonnenkönig" wollte, daß die zum Anschluß an Frankreich vorgesehenen Gebiete -wie das Oberamt Stromberg- seine eigene, katholische Religion annahmen, getreu dem Grundsatz: „Ein Glaube, ein Gesetz, ein König". Da die Franzosen aber einsahen, daß das evangelische Bekenntnis nicht von heute auf morgen abzuschaffen war, suchten sie seine Ausübung zu erschweren. Deshalb teilten sie in den evangelischen Orten ihres Besatzungsgebietes die Pfarrkirchen auf: Während die Protestanten nur noch das Kirchenschiff benutzen durften, blieb der Chor der katholischen Meßfeier vorbehalten. Die Gotteshäuser wurden jetzt von beiden Konfessionen benutzt, weshalb man von einem "Simultaneum" (von lateinisch simul = zugleich) sprach. Diese Regelung wurde 1688/89 auch in unserer Pfarrkirche eingeführt, die damit ein halb evangelisches, halb katholisches Gotteshaus war. Zwar hoben die Truppen des katholischen Kaisers das Simultaneum bei ihrer kurzen Besetzung Appenheims 1690 wieder auf, doch wurde es von den Franzosen bei ihrer Rückkehr ein Jahr später wieder eingeführt und bis zum Ende des Krieges 1697 beibehalten. Inzwischen zeigte die 1688 begonnene Rekatholisierung Wirkung: 1693 wurde in Gau-Algesheim das erste Appenheimer Ehepaar (Lauffensell-Dengler) wieder katholisch getraut. Weitere Heiraten im kurmainzischen Nachbarort folgten, meist Mischehen, wobei die Kindererziehung nach französischem Gesetz zugunsten des katholischen Teils geregelt war. So gab es in Appenheim am Ende des „Pfälzischen Erbfolgekrieges" wieder Ansätze einer katholischen Gemeinde und damit zu mehr Vielfalt in der Religionsausübung, aber auch Anlaß zu konfessionellem Hader, der unser Dorf bis ins 19. Jahrhundert beschäftigte.

 

Dies auch deshalb, weil mit dem Abzug der Franzosen die Begünstigung der Katholiken keineswegs beendet war. Denn im Frieden von Ryswick (1697) hatte Frankreich eine „Religionsklausel" durchsetzen können, nach der alle Maßnahmen zugunsten der Katholiken erhalten bleiben sollten. Frankreichs Gegner und Vertragspartner reagierten empört - aber nur nach außen. Denn insgeheim hatte Kurfürst Johann Wilhelm aus der katholischen Linie Pfalz-Neuburg mit Ludwig XIV. vereinbart, die „Religionsklausel" anzunehmen und in seinen Ländern durchzuführen. Das entsprach seiner Erziehung und Überzeugung, zumal er genauso „ absolut" herrschen wollte wie der Sonnenkönig.

 

In der Kurpfalz folgten nun Jahre mit eindeutig prokatholischer Politik. Der Kurfürst löste die protestantische Kirchenverwaltung auf, ersetzte evangelische Beamte durch katholische und beließ es bei der Teilung der Kirchen, selbst wenn am Ort nur wenige Katholiken wohnten. In Stromberg saß nun ein katholischer Amtmann, in der Appenheimer Kirche bestand das Simultaneum weiter und etliche Katholiken wanderten in unseren Ort ein; sie wurden zunächst von Oberhilbersheim betreut. So war auch in Appenheim die einseitige Religionspolitik des neuen Kurfürsten spürbar.

 

Die Protestanten der Kurpfalz, denen 1685 ja ungehinderte Ausübung des Bekenntnisses zugestanden worden war, pochten auf ihre Rechte und beschwerten sich bei den evangelischen Fürsten Deutschlands. Nun gingen diese gegen ihre katholischen Untertanen vor. Deshalb, und um Ruhe in seinem Land zu bekommen, erklärte sich Kurfürst Johann Wilhelm zum Einlenken bereit und erließ 1705 die sog. „Religionsdeklaration". In ihr versprach er allen Untertanen Glaubens- und Gewissensfreiheit, den Protestanten, ihre 1685 festgelegten Rechte zu achten und kündigte eine neue Aufteilung der Kirchengebäude und -guter je nach dem Konfessionsverhältnis der einzelnen Gemeinden an.

 

Die dazu eingesetzte „Teilungskommission" konnte ihre Arbeit zunächst nicht aufnehmen, weil wegen des Spanischen Erbfolgekrieges wieder einmal Truppen im Land standen; im Sommer 1706 hielten solche "herumb streifenden französischen Parteien" auch Appenheim besetzt. Im September des gleichen Jahres tagte die Teilungskommission, um die Kirchen der Inspektion Oppenheim unter den Konfessionen aufzuteilen. Dabei wurde die Appenheimer Pfarrkirche ganz den Reformierten zugesprochen, das Simultaneum also beseitigt; ebenso verfuhr man bei Niederhilbersheim. Damit war an beiden Orten der Zustand von vor 1688 wieder hergestellt. Den zum Katholizismus übergetretenen Appenheimern wurde ein Raum im Rathaus zur Abhaltung des Gottesdienstes zugewiesen. Dagegen gab es offenbar Widerstand, denn um 1710 mußte das Oberamt die Gemeinde Appenheim zwingen, den Katholiken einen Teil des Rathauses zur Verfügung zustellen. Abgesehen von einer erneuten französischen Besetzung im Jahr 1714 - als sie wieder die Pfarrkirche benutzen konnten - feierten die Katholiken nun bis etwa 1730 im Rathaus ihre Messe. Dann schenkte ihnen der kurpfälzische Reiteroberst von Closs ein gegenüberliegendes Haus zu gottesdienstlichen Zwecken. Bald wurde dieses Gebäude als „Filialkirche" von Großwinternheim bezeichnet, von wo aus Schwabenheimer Benediktiner die Appenheimer Katholiken betreuten. 1728 berichteten diese Patres, es gebe in Appenheim 18 katholische Familien mit 62 Seelen; auch hätten die hiesigen Katholiken einen eigenen Lehrer. Über die anderen Konfessionen hieß es in dem Bericht: „In den Filialen Appenheim und Bubenheim gibt es Gläubige der Sekte Luthers und Calvins. Die Calvinisten haben in allen Orten eigenen Gottesdienst, die Lutheraner üben ihre Religion in Oberingelheim aus."

So war in Appenheim um 1730 schon eine regelrechte katholische Gemeinde vorhanden, die wenig später auch einen Glockenvertrag mit den hiesigen Protestanten schloß. Die Zahl der katholischen Familien stieg weiter an und betrug 1748 22, was einer Zahl von 100 bis 120 Katholiken gleichkam. Bei den rund 500 Einwohnern, die Appenheim damals hatte, war dies ein ähnliches Verhältnis wie heute (1974: 288 Katholiken unter 1055 Einwohnern).

 

Kein Wunder, wenn die Appenheimer Katholiken bald nach Selbständigkeit strebten. Sie hatten es leid, bei Wind und Wetter und den häufigen Überschwemmungen der Selz zur „Mutterkirche" nach Großwinternheim zu gehen. Seit 1746 wandten sie sich deshalb nach Stromberg und Mannheim, um einen eigenen Pfarrer zu bekommen, erhielten aber vom Oberamt und der Landesregierung nur ausweichende Antworten. Schließlich half ihnen wieder ein privater Spender weiter: Durch eine Stiftung des Ingelheimer Obersten von Schrieck konnte der aus Luxemburg stammende Priester Michael Huberti zum ersten katholischen Pfarrer Appenheims seit der Reformation gewonnen werden. Seine Amtseinführung durch den Dekan des Algesheimer Landkapitels- zu dem die katholische Pfarrei Appenheim j etzt gehörte-feierte Huberti in Anwesenheit benachbarter Geistlicher und des Stromberger Amtmanns. Zugleich sah er darin einen Triumph über die Andersgläubigen und „stellte eine solemne Procession an (weilen keine von Lutheri und Calvini Zeiten ist geführet worden), im ganzen Orth herum, mit Vergiesung viel der Tränen meiner Pfarrkinder, weilen sie endlich den Tag erlebet, nach welchem sie so weith und lang geseufzet haben".

 

Von dieser Rührung blieb allerdings im Alltag der neuen Pfarrei wenig übrig. Immer wieder gab es Auseinandersetzungen zwischen den Gläubigen und ihrem Pfarrer, dem man Trunk- und Streitsucht vorwarf, und der seinerseits - wie manche seiner Nachfolger- über Eigensinn und „Tadelsucht" der Appenheimer klagte. Streit gab es seit 1768 auch um eine neue Kirche, die Pfarrer Huberti für überflüssig, seine Gemeinde aber für nötig hielt. Als Huberti weiter zögerte, rissen Appenheimer Katholiken im Mai 1773 das von Schriek geschenkte Haus kurzerhand ab und legten den Grundstein zu einem Neubau. Der Pfarrer machte gute Miene zu diesem bösen Spiel und bestimmte den Heiligen Michael - den Patron der mittelalterlichen Appenheimer Pfarrkirche - zum Schutzheiligen des neuen katholischen Gotteshauses. Am Michaelsfest 1774 las Huberti die erste Messe darin, und 1775/79 wurde dann die katholische Appenheimer Pfarrkirche geweiht. Kunstgeschichtlich zählt sie zu den typischen barocken Saalkirchen Rheinhessens und der Pfalz; sie ist ein einfacher Barockbau, dessen dreiseitiger Chor durch einen „Triumphbogen" vom flachgedeckten Langhaus abgesondert ist. Der Hochaltar besteht aus Teilen eines um 1650 entstandenen Altars aus dem Rheingauer Kloster Notgottes und dürfte erst nach dessen Auflösung (1803/13) hierher gekommen sein. Zur ursprünglichen Ausstattung der Kirche gehörten noch zwei Nebenaltäre mit guten Figuren der Maria und des Hl. Michael aus einer Mainzer Bildhauerschule. Weitere Ausstattungsstücke sind Kelche aus der Rokokozeit, zwei Wandgemälde und ein Kruzifix sowie mehrere Leuchter aus dem 18. Jahrhundert. Mit der Errichtung dieser St. Michaels-Kirche 1775 war zumindest äußerlich der Aufbau einer katholischen Gemeinde in Appenheim, der 1688/97 begonnen hatte, abgeschlossen.

Wir haben diesen Vorgang so ausführlich dargestellt, weil er bis heute in Appenheim nachwirkt: Auch hier sind die konfessionellen Verhältnisse in erster Linie nicht (mehr) eine Folge der Reformation, sondern der von den Franzosen begonnenen und den Pfälzer Kurfürsten fortgesetzten Rekatholisierung. Ganz enormen Einfluß hatten sie natürlich auf das Dorfleben des 18. Jahrhunderts. Konfessionelle Streitereien waren häufig und teilten viele Familien. Zudem sahen manche protestantischen Appenheimer auf ihre katholischen Mitbürger herab, weil diese als Zuwanderer nur kleine Bauern, Müller oder Handwerker waren. Die Protestanten ihrerseits fühlten sich benachteiligt, weil die Katholiken im pfälzischen Staatsdienst eindeutig bevorzugt wurden. So beriefen die Stromberger Amtmänner- die anfangs oft Taufpaten katholischer Appenheimer waren - seit 1720 nur noch Katholiken zu Schultheißen unseres Dorfes (Wilhelm, Nikolaus und Johannes Wetzler, Franz Müller und Johannes Franz). Kleinliche Streitereien um Glocken und Schulbänke kamen hinzu.

 

Da half es wenig, wenn die kurpfälzische Landesregierung in Mannheim auch einmal die Partei der Appenheimer Protestanten ergriff. Dies geschah z.B. beim Neubau der reformierten Pfarrkirche, der allerdings schon lange überfällig war. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Pfarrer geklagt, die Freiherren von Greiffenclau-Vollrads kämen ihrer Baupflicht als Patronatsherren „nur mit Zwang" nach. Schließlich klagten die Appenheimer in Mannheim und erhielten 1759 durch das Hofgericht Recht. Die Greiffenclauer gingen aber in die Berufung, wurden jedoch 1763 durch das Oberappellationsgericht dazu "condemniret", den Appenheimern eine neue Kirche zu bauen. Diesem Urteil kamen sie natürlich nur widerwillig nach. Seit 1765 entstand auf den Grundmauern des mittelalterlichen Baues ein schmuckloses Gotteshaus, ebenfalls in Form einer Saalkirche. Der ursprünglich geplante Turm wurde nicht gebaut, weil sich die Appenheimer mit den Freiherrn nicht über die Kosten für das Baumaterial einigen konnten. Es blieb bei einem einfachen Giebel mit Portal und dem Dachreiter für zwei Glocken. Noch schlimmer sah es im Innern aus, denn die „Bauherren" hatten weder Altar noch Kanzel oder Bänke errichten lassen. All das schaffte die Gemeinde schließlich selbst an, um die Pfarrkirche wenigstens benutzen zu können.

Die Inneneinrichtung der Kirche kostete die Appenheimer einiges, doch ist auch zu bedenken, daß gerade die Protestanten unter ihnen durchweg wohlhabende Leute waren. Das zeigen schon die Appenheimer "Schatzungsrechnungen", in denen die von unserem Dorf an den Landesherrn gezahlte „Schatzung" (meist 1130 Gulden im Jahr) nach den einzelnen Steuerpflichtigen aufgegliedert ist. Geführt wurde die Liste vom „Bürgermeister" oder dem herrschaftlichen Ischatzungsempfänger", der die Steuer einnahm und weiterleitete. Die Schatzungsrechnungen enthalten die steuerliche Einschätzung der Appenheimer nach ihrer „Nahrung" (Gewerbe oder Handwerk), dem Wert ihrer Häuser und ihrem Grundbesitz. Allerdings gab es kaum jemand im Dorf, der im strengen Sinn Eigentümer des von ihm bewirtschafteten Bodens war. Denn noch immer bestand die mittelalterliche Grundherrschaft, d.h. die meisten Appenheimer Äcker, Wingerte und Wiesen gehörten einem Kloster oder einem Adligen. Freilich war diese Grundherrschaft jetzt soweit verblaßt, daß sie nur noch an den Abgaben zu erkennen war, die jährlich geliefert werden mußten. Ab und zu führten die Grundherren eine Überprüfung („Renovation") ihrer Güter durch, wie z.B. das Mainzer Domstift 1745. Dabei zeigte sich immer wieder, daß die meisten Güter in „Erbbestand" und nicht in "Temporalbestand" (Erb- bzw. Zeitpacht) vergeben waren. Praktisch besaßen die Bauern den Boden doch, ohne ihn allerdings veräußern oder teilen zu können; ihre Abgaben an den Grundherrn waren für diesen meist nur noch pünktlich eintreffende Naturallieferungen, die allerdings oft eine beträchtliche Höhe erreichten.

 

Diesen Fortbestand uralter Verhältnisse zeigen auch die Appenheimer Gemeinderechnungen, die zugleich Einblicke in Leben und Lage unseres Dorfes um die Mitte des 18. Jahrhunderts gewähren. Auch diese Rechnungen wurden von den "Schatzungserhebern" geführt. Zwischen 1777 und 1789 waren das Wilhelm Grossart, Friedrich Bokkius und Friedrich Schmuck. Das Rechnungsjahr begann jeweils an „Mariä Lichtmeß", also Anfang Februar. Bestätigt wurden die Rechnungen vom Ortsvorstand, d.h. vom Schultheiß, den vier Gerichtsmännern, zwei „Vorstehern" oder Bürgermeistern und bisweilen von einem Gerichtsschreiber. Auf allen findet sich ein Abdruck des Gemeindesiegels von 1621, das als „redendes Wappen" nun einen großen Apfel zeigt („Apfelheim"). Diese Appenheimer Rechnungen wurden in Stromberg vom Oberamtmann geprüft und in Mannheim von einem Hofrat „superrevidiert". Das Hineinwirken der kurpfälzischen Verwaltung bis auf die Ortsebene kam auch darin zum Ausdruck, daß stets vermerkt wurde, wieviel Stunden Appenheim von Stromberg, Mannheim, dem Rhein, dem Neckar und der Mosel entfernt liege. An Einnahmen -etwa um die 1000 Gulden-verzeichnen die Rechnungen meist zurückgezahlte Darlehen, die Pacht aus den (wenigen) Gemeindeäckern, -weiden und -wiesen, die (geringen) Erlöse aus versteigertem Spreu, Gras, Obst und Holz, „Straf- und Frevelgelder", Zinsen für die Gemeindeschmiede, Gebühren für Wachtdienste, sowie das "Feuereimergeld". Durchlaufende Einnahmen, die von der Gemeinde nur weitergeleitet wurden, waren die „herrschaftlichen Gelder", also wie im Mittelalter, Beede, Atzung und Salzgeld; sie machten zusammen oft über 100 Gulden aus. An die Kellerei Stromberg gingen in manchen Jahren auch Gelder, die „auf Befehl" von den Appenheimern eingetrieben wurden. Dabei handelte es sich um Sondersteuern, angeblich „für das allgemeine Beste", wahrscheinlich aber eher für die kurpfälzische Verwaltung oder Hofhaltung. Auch der „Bürger-Einzug" ging zum Teil nach Stromberg, also jene Gebühr, die jeder Zugezogene für seine „Bürger-Annahme" zu entrichten hatte. Ebenso das Quartiergeld, daß selbst dann erhoben wurde, wenn die Soldaten nicht in Appenheim, sondern z.B. in Stromberg lagen. Vielfältig waren die Ausgaben der Gemeinde. Neben den erwähnten durchlaufenden Einnahmeposten machten die "Kriegskosten" (meist Abtragung von Gemeindeschulden aus längst vergangenen Besatzungszeiten), die Rückzahlung von Schulden sowie Verwaltungsgebühren für das Oberamt (einschließlich der Zählgelder, Schreibgebühren, Taxen und „Sporteln") die größten Posten aus. Hinzu kam eine Menge Einzelausgaben, wie für Botenlöhne, für "Faselvieh" (Bullen und Ziegenböcke), für den Nachtwächter, „wegen Stellung der Gemeindeuhr" oder einer Reparatur am Gemeindebackhaus. Außer Geldausgaben bzw. -einnahmen verzeichnet die Gemeinderechnung auch Naturalien, die einkamen bzw. abgeliefert werden mußten. So gingen 1783 an "Beedkorn" 37 Malter Getreide und 8 Malter „Zinskorn" an die Kellerei in Stromberg.

 

Die Gemeinderechnungen sind jedoch nicht nur finanziell interessant, sie geben auch Einblicke in Aussehen und Ausstattung von Appenheim gegen Ende des 18. Jahrhunderts. So enthält jeder Jahrgang ein „lnventarium über alle der Gemeinde Appenheim gehörigen Mo- und Immobilien". Für 1783 werden aufgeführt: an „Feldstücken" 3 1/4 Morgen Acker, 19 Morgen Wiese und 18 Morgen Weide, die alle als „schlecht" eingestuft sind. Dann werden die "Häusser und dazu gehörige Geräthschaften" beschrieben:

 

„1 Rathaus, hat einen alten und neuen Tisch, drei Bänk, zwei alte Gerichtskisten, einen kleinen Schrank, worin die Registratur, einen runden eisernen Ofen, 7 Feuer-Eimer, 4 Feuerhacken.

Nota: anno 1781 ist ein viereckigter Winnweiler eiserner Ofen aufs Rathaus in die gemeine Stube angeschafft worden. 4 Schrod und 2 Feuerlaithern sind anno 1779 neu angeschafft worden.

Ein Viertels Eichkopf, ein halb Maas, und ein Schoppen Eich, eine zinnerne Ampel - Ein Eichzuber auch seit 1779 neu.

Rathaus- und Gemeine-Keller
1 Reformirt Schulhaus darin ist ein eisserner Ofen, zwei Tisch, und 4 Bänk, hat auch ein klein Kellergen
1 Hirtenbaus auf dem Unterthor, ist an Geräthschaft nichts vor die Gemeinde darinn, als ein schlechter eisserner Offen.
1 Backhaus, worin zwei Büthen und ein alter eisserner Ofen, hiebei ist auch ein Stall.
1 Schmitt hat einen eisernen Ofen, sammt einem Gärtgen und Schweinstall
. . . .
1 Neu gebaut Katholichs Kirchlein mit zwei Glöcklein
1 Reformirt Kirch mit 2 Glocken. Auf diesem Thurm ist auch eine gemeine Uhr
1 katholische Schul aufm Rathaus
1 Reformirte Schuhl
106 Privathäuser
76 Scheuer

Zug-, Milch- und Mastvieh:
21 Pferde, 17 Ochsen, 140 Kühe, 37 Rinder"

 

So kann man sich die „öffentlichen Gebäude" Appenheims Ende des 18. Jahrhunderts gut vorstellen. Zudem zeigt diese Auflistung, was damals in einer solchen Gemeinde als wichtig und wertvoll galt.

 

Darüberhinaus geben die Gemeinderechnungen auch über die Appenheimer selbst Aufschluß, denn sie enthalten alle recht genaue Bevölkerungstabellen. Aus ihnen geht hervor, daß die Einwohnerzahl unseres Dorfes im späten 18. Jahrhundert schwankte, denn sie stieg von 527 im Jahre 1767 auf 586 (1776), fiel dann wieder auf 520 (1783) und betrug 1788 549 Personen. Von diesen waren 111 Männer, 117 Frauen, 152 Söhne, 141 Töchter, 10 Knechte und 18 Mägde. Genau führen die Rechnungen auch die Mitglieder des Ortsvorstandes samt ihren Familien auf, also den Schultheiß, die „Bürgermeister", die Gerichtsmänner und den Schreiber, den „Feldmeister", den Gemeindediener und den Nachtwächter. Über die Konfessionsverteilung machen diese, von der Mannheimer Regierung vorgeschriebenen Statistiken keine Angaben. Sie enthalten lediglich eine Spalte für "Menonisten" (also die inzwischen gemäßigten Wiedertäufer), die aber in Appenheim leer blieb. Ausdrücklich vermerkt sind dagegen die Juden, die wohl im 17. Jahrhundert zuwanderten (siehe den Aufsatz von Erich Hinkel). In Appenheim gab es 1767/76 drei, 1783/9 zwei Judenfamilien mit insgesamt 16 bzw. 13 Personen. Daß sie von den übrigen, als „Bürgern" bezeichneten Appenheimer gesondert aufgeführt sind, hing mit ihrer schlechteren Rechtslage zusammen. Außer dem „Schutzgeld", das die Juden dem Kurfürst entrichteten, mußten sie auch der Gemeinde Gebühren zahlen. So hatte die Appenheimer Judenschaft „vor ihre Verstorbene und das Begräbnis, es mag einer sterben oder nicht, es mögen viele sterben oder weniger, jährlich 1 Gulden 30 Kreuzer zu entrichten" und „wegen geniesender Wasser und Weid" mußte jeder jüdische Einwohner Appenheims ebenfalls 1 1/2 Gulden zahlen, „eine Wittib aber nichts". Ein weiteres Zeichen dafür, daß in der Appenheimer Gesellschaft des späten 18. Jahrhunderts keine Rechtsgleichheit herrschte, sind die Leibeigenen. Sie werden in den Gemeinderechnungen eigens angeführt, mußten verschiedene Sondersteuern zahlen und sich für Heirat, für Orts- oder Berufswechsel die „obrigkeitliche" Erlaubnis holen. In Appenheim gab es damals sieben männliche und elf weibliche Leibeigene, vielleicht Knechte und Mägde; sie waren auf jeden Fall zugewandert, denn die Einheimischen galten von jeher als "freyzügicht", also von der Leibeigenschaft befreit.

 

So finden wir Ende des 18. Jahrhunderts in Appenheim Lebensformen und Zustände, die vielfach noch aus älteren Zeiten stammten. Zeigten sich im allmählichen Vordringen des Staats und in den konfessionellen Spannungen auch Merkmale der Neuzeit, so herrschte doch in vielen Bereichen des Appenheimer Lebens noch „Mittelalter". Dieses Nebeneinander von alten und neuen Verhältnissen läßt auch das erkennen, was Johann Goswin Widder in seiner "geograhisch-historischen Beschreibung der kurfürstlichen Pfalz am Rheine" über Appenheim ausführt: „Appenheim ist der beträchtlichste Ort des ganzen Oberamts, fünf Stunden von Stromberg zwischen Groß-Winternheim, Nieder-Hilbersheim, Aspisheim und dem Kurmainzischen Flecken Gau-Algesheim gelegen. Es werden 2 Kirchen und 112 Häuser, 120 Familien und 560 Seelen darin gezählet.

 

In einer Urkunde des Erzbischofs Adelbert von Mainz, welche er im Jahre 1132 dem Klosterjohannisberg im Rheingaue ertheilet hat, wird desselben unter dem heutigen Namen gedacht. Er ward auch unter den von Pfalzgrafen Rudolph I. im Jahre 1311 an Grafen Simon von Spanheim mit der Veste Stromburg verpfändeten Dörfern namentlich begriffen.

 

Unterhalb des Ortes flieset ein in der Ober-Hilbersheimer Gemarkung entspringendes Bächlein ostwärts im Thale vorbei, und treibt 5 Mühlen. Die Gemarckung enthält 1367 Morgen Äcker, 112 Morgen Wingert, 103 Morgen Wiesen etc.

 

Nur die Freiherren von Greiffenclau zu Vollraths, und die Reformirte Pfarrei besizen einige Freigüter.

Von der alten Pfarrkirche weiß man, daß Ludwig von Ottenstein im Jahre 1521 das Patronatsrecht darüber ausgeübet habe. Sie war dem heil. Michael geweihet, und fiel bei der Theilung ins Loos der Reformirten, die solche der Pfarrei Nieder-Hilbersheim einverleibet haben. Für die Katholischen hat der Kurpfälzische General Anton Otto von Closs auch eine eigene Kirche gestiftet, die mit einem Pfarrer bestellt ist, der zum Landkapitel Gau-Algesheim gehöret. Die Lutherischen sind nach Ober-Ingelheim eingepfarret. Den grosen Zehnten beziehen die Freiherren von Greiffenclau bis auf ein Achtel, welches der Reformirte Pfarrer zu geniesen hat."

 

Als Widder das 1787 schrieb, hatte Appenheim eine lange Zeit des Friedens hinter sich, in der viele Bauern es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatten. Zwei Jahre später, 1789, brach die Französische Revolution aus, ein Ereignis, das auch in der Geschichte unseres Ortes einen großen Einschnitt brachte. Verfasser: Dr. Franz Dumont aus Mainz Beitrag von 1983

 

 

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Die Franzosenzeit

Freilich erfuhren die Appenheimer zunächst nur durch Gerüchte und Propaganda etwas über die turbulenten Ereignisse in Frankreich, über den Sturm auf die Bastille, die Erhebung der Bauern und den Sturz des Königs (10. August 1792). Gerade damals aber griff die französische Revolution an den Rhein aus: Nachdem eine deutsche Invasion zur Rettung des Königtums gescheitert war, konnten die Franzosen im Oktober 1792 Rheinhessen und die Pfalz kampflos besetzen. Zusammen mit ihren deutschen Anhängern - den Jakobinern oder "Klubisten" -versuchten sie nun von Mainz aus, die Einheimischen zur Annahme der republikanischen Staatsform und zum Anschluß an Frankreich zu bewegen. Allerdings war Appenheim -wie die ganze Kurpfalz - von dieser Revolutionierung ausgenommen; denn der Kurfürst von Pfalz-Bayern hatte sich neutral erklärt und die Franzosen brauchten ihn als Bundesgenossen gegen Österreich. Trotzdem sind 1792/93 sicher auch in unserem Dorf die Parolen von „Freiheit und Gleichheit" bekanntgeworden, zumal es in GauAlgesheim recht rührige "Klubisten" gab, und die Mainzer Jakobiner durch anonyme Flugschriften gerade in der Kurpfalz Begeisterung für die Revolution zu wecken suchten.

 

Auf dem Land war die kurze, politisch aber sehr bewegte Zeit der „Mainzer Republik" schon im April 1793 zu Ende. Damals gelang es nämlich den Deutschen, fast ganz Rheinhessen und die Pfalz zurückzuerobern und die Franzosen in Mainz einzuschließen. Nun begann die schwere, viermonatige Belagerung von Mainz, die auch für Appenheim große Belastungen brachte. Es gab Einquartierungen deutscher Truppen und im Sommer 1793 mußten etliche Appenheimer beim Bau von Schanzen und Schützengräben vor Mainz aushelfen. Selbst als die französische Garnison dort kapituliert hatte, verlagerte sich der Kriegsschauplatz nur für kurze Zeit nach Süden. Schon 1794 waren die Franzosen wieder im Anmarsch auf Mainz, das sie in den nächsten zwei Jahren mehrfach belagerten. Damals mußten die Appenheimer „allerhand Essen an die Franken" (Franzosen) abgeben. So heißt es in der Gemeinderechnung von 1794, und bis 1797 sind die Abrechnungen voll von Hinweisen auf die unruhigen Kriegszeiten. Wir lesen von Durchzug und Einquartierungen von Franzosen, Sachsen, Preußen und Österreichern, von Ausgaben für Lieferungen, die in Weiß- und Rotwein, in Stroh, Branntwein, Kaffee, Speck, Tabak, Steinkohlen, Hufnägeln, Pfeifen, Tran, Eisen, Nägel, Fleisch, Stiefel und kostbarem Leinen bestanden, ja, vom Abtransport etlicher Pferde und von den zahllosen "Fronfuhren" für die fremden Heere. Die "Kriegskosten" der Gemeinde Appenheim beliefen sich 1794/95 auf 3137 Gulden, ein Jahr später auf 8642 Gulden und erreichten 1796/97 die Höhe von 9682 Gulden. Längst war die Losung der Franzosen „Friede den Hütten, Krieg den Palästen" zur Farce geworden, doch auch die Deutschen benahmen sich keineswegs besser. Mehrfach mußte der Appenheimer Schultheiß als Geisel für „Brandschatzungen" in Arrest oder mußte die Gemeinde willkürlich angesetzte "Executionsgelder" zahlen. Immerhin konnte Appenheim froh sein, daß es nicht dasselbe Schicksal erlitt, wie das benachbarte Schwabenheim, das 1796 von den Franzosen aus nichtigem Anlaß in Brand gesteckt wurde. Wie schlecht die Zeiten aber auch bei uns waren, zeigt die Abnahme der Dorfbevölkerung: Betrug sie 1793 noch 565 Einwohner, so waren es zwei Jahre später nur noch 522, 1796 516 und 1797 war die Zahl auf 495 gesunken.

 

So atmeten die Appenheimer auf, als die Kampfhandlungen eingestellt wurden und es im Oktober 1797 zum Frieden zwischen Frankreich und Osterreich kam, durch den das linke Rheinufer zu Ende des Jahres französisch werden sollte. Die jahrhundertealte Zugehörigkeit zur Kurpfalz nahm damit ein Ende und auch für Appenheim begann 1797 eine ganz neue Zeit. Um das den Einheimischen klar zu machen, ließen die Franzosen allenthalben „Freiheitsbäume" pflanzen. Diese sahen den Kerbebäumen sehr ähnlich, waren Eichen-oder Fichtenstämme, blau-weiß-rot angestrichen und mit eben solchen Bändern verziert. Die Freiheitsbäume symbolisierten die neue Ordnung, also die Republik, die Menschenrechte sowie die politische Freiheit und Rechtsgleichheit der Bürger. Auch in Appenheim wurde ein solcher Baum gepflanzt: Dies geschah am 21. Januar 1798, dem fünften Jahrestag der Hinrichtung des französischen Königs. Dazu heißt es in einem etwas jüngeren Bericht: „Der Freiheitsbaum, eine Eiche, wurde wie folget vor das Gemeindehaus gepflanzt: Morgens um 7 Uhr wurde das Fest mit allen Glocken angeläutet. Nachmittags 2 Uhr wurde der Baum gesetzt, unter Leitung des damaligen Agenten Friedrich Schmuck und im Beisein von seinem Bruder Peter Schmuck, Agent zu Niederhilbersheim . . ., der alles aufbot, die Feierlichkeit zu erhöhen und die Luft ertönend zu machen von dem Rufe: "Vive la republique",wobei die Anwesenden ihre Hüte oder Kappen abziehen und in der Luft schwingen sollten, was aber beinahe gänzlich unterblieb, indem die Gemeinde selbst für diese Freiheit keine Sympathie zeigte."

 

Es war aber wohl eher Abwarten als Ablehnung, das die Appenheimer in ihrer Haltung gegenüber all den neuen Dingen bestärkte. So auch zu dem „Revolutionskalender", der sofort eingeführt, aber von vielen noch nicht beachtet wurde. Noch schien der Herrschaftswechsel nicht endgültig, und es war keine Seltenheit, daß sich Friedrich Schmuck im Januar 1798 nach französischer Vorschrift als „Agent" bezeichnete, und im Juni noch bzw. wieder seinen alten Titel „Schultheiß" führte. Diese Unentschlossenheit der Einheimischen kannten die Franzosen nur zu gut, und so suchten sie die „Befreiten" enger an sich zu binden. Dazu wurde im Frühjahr 1798 eine Unterschriftenaktion für die „Rennion", also die Vereinigung mit Frankreich gestartet. Sie sollte außerdem die Angliederung des linken Rheinufers an Frankreich als Wunsch der Einheimischen erscheinen lassen. In alle Dörfer kamen von Mainz ausgesandte Kommissare und riefen zur Unterzeichnung einer solchen "Reunionsadresse" auf. In unserem Raum war es Lorenz Sala, französischer Beamter in Oberingelheim, der den Appenheimern im Mai 1798 eine entsprechende Erklärung vorlegte. In ihr hieß es: „. . . da uns die unsterblichen Siege der Franken von unserem Unterdrücker befreyet und . . . uns selbst frey gemacht haben, so erklären wir hiermit aufs feyerlichste und aus freyem Willen, daß wir aller ferneren Ergebung an willkürliche, despotische, oligarchische, monarchische, aristokratische, theokratische Regierungen und den verschiedenen Abtheilungen derselben entsagen und abschwören und mit der großen Republik unwiderruflich vereinigt seyn wollen."

 

Gab dieser feierliche Text vielleicht auch mehr die Wünsche von Kommissar Sala (er hatte sich 1792/93 als eifriger Jakobiner betätigt) wieder, so formulierten die Appenheimer in einem Zusatz doch ein echtes Anliegen. Sie erklärten nämlich: „Wir Unterschriebene von der Gemeinde Appenheim unterzeichnen uns der Republik, doch so in unserm bißher gehabten Religions Exerziß(!)ium beibehalten zu lassen". Wie beim Übergang von einem Fürst zum anderen wollten sie sich damit bestehende Rechte, vor allem die der „Religionsdeklaration" von 1705, sichern. Der Zusatz zeigt zudem, wie sehr konfessionelle Fragen das Gemeindeleben in Appenheim prägten. Die so „erweiterte" Reunionsadresse unterschrieben dann 85 der insgesamt 565 Appenheimer. Dies entsprach etwa den Zahlen in den Nachbargemeinden Bubenheim, Engelstadt, Niederhilbersheim und Horrweiler, wo meist auch nur die Hälfte der erwachsenen Männer - sie allein waren stimmberechtigt - unterzeichnet hatte.

 

Das Original dieser Reunionsadresse von 1798 liegt im Pariser Nationalarchiv und ist von folgenden Appenheimern unterschrieben:
"Rolar, catholischer Pfarrer - E. J. Dupont, reformierter Volkslehrer (Pfarrer) - Friedrich Schmuck - Heinrich Lauser - Wilhelm Grossardt - Philipp Boller - Friedrich Dell - Joseph Schmitt - Georg Gaul - Adam Gebhard -Johannes Bieser - Wilhelm Matthias - Frantz Peil - Friedrich Knewitz -Theodor Bockius - Wilhelm Knewitz Johannes Boller - Peter Röhl - Peter Becker - Georg Gans -Johannes Fleischer Friedrich Rodenmayer - Kilian Wolf- Adam Zielauff- Georg Boller-Johannes Keller - Friedrich Gehindi - Friedrich Best - Peter Kleysinger - Georg Jacob Wallmanach - Dr. Hertwig - Jud Affram - Adam Boller - Friedrich Becker - Henrich Mindel - Pilip Henrich Wezler -Wentel Miller- Peter Knewitz - Wilhelm Theobald - Christian Großartt - Henrich Scheungel (?) -Michel Brendel junior - Friedrich Brendel - Johann Philipp Wetzler - Joseph Rupert - Christ. Bergmann - Valtin Erbes - Henrich Erbes - Adam Bockius - Philipp Kalsch -Johannes Matthias -Leonhardt Matthias Henrich Mindel - Nicolaus Andreae -Jacob Schmidt - Henrich Bockius -Sebastian Gruber - Caspar Knewitz - Philipp Weppler - Friedrich Müller - Georg Schmitt-Johannes Boller Junior - Gabriel Schwabenland - Jacob Schott -Philipp Gau - Henrich Boller - Stoffel Weisen(heimer?) - Adam Thomas - Henrich Boller -Wilhelm Rodenmeyer - Philipp Rothemayer j unior- Martin Hamel - Christian Knewitz -Leonhart Schwabenland - Jud Mattäus (?) - Henrich Klippel - Friedrich Weppler - Christian Bender- Georg Linck- Friedrich Scharth - Leonharth Boller- Johannes Pforth - Philipp Rodenmayer der mitler - Friedrich Stauth - Eduard Stauth".

Als diese (hier in der ursprünglichen Reihenfolge und Schreibweise wiedergegebenen) Unterschriften in Paris eintrafen, war der Anschluß Appenheims an Frankreich längst vollzogen. Denn schon im Januar 1798 hatten die Franzosen das linke Rheinufer nach ihren Vorstellungen verwaltungsmäßig neu eingeteilt. Das Gebiet zwischen Speyer und Bingen wurde nach seiner höchsten Erhebung „Departement vom Donnersberg" genannt, von Mainz aus verwaltet und in 37 „Kantone" eingeteilt. Appenheim kam zum Kanton Ober-Ingelheim, dem auch Gau-Algesheim, Bubenheim und Niederhilbersheim angehörten; Oberhilbersheim lag im Kanton Wörrstadt. Damit war das bunte Mosaik kleiner und kleinster Herrschaften, wie es jahrhundertelang bestanden hatte, beseitigt. Auch für Appenheim zerschnitt die neue Verwaltungsgliederung gewachsene Bindungen -z. B. nach Stromberg und Mannheim und schuf erstmals engere Beziehungen zu Mainz. Nächsthöhere Verwaltungsstelle war Ober-Ingelheim, wo Friedensrichter und Notar saßen, vor allem aber die "Munizipalverwaltung des Kantons". Diese Behörde könnte man mit einer modernen Verbandsgemeindeverwaltung vergleichen, denn ihr gehörten unter einem Präsidenten (das war der bereits erwähnte Lorenz Sala) die Vorsteher („Agenten") aller Kantonsorte an. Agent von Appenheim war Friedrich Schmuck, 1786 kurpfälzischer Schatzungsempfänger, seit 1792 Schultheiß des Dorfes. Auch Schmuck war nicht von seinen Mitbürgern gewählt, sondern von der Mainzer Departementsverwaltung eingesetzt bzw. bestätigt worden. Hatten doch die Franzosen, um die Verwaltung nicht ins Stocken zu bringen und um kein politisches Risiko einzugehen, in den neu angegliederten Gebieten die von der Verfassung vorgesehene Wahl der Beamten „vorläufig" ausgesetzt. Die Ernennung von Ortsvorstehern wurde zum Dauerzustand, nachdem Ende 1799 Napoleon die Macht übernommen hatte. Nun verschwanden die „Kantonsverwaltungen", die immerhin als Kollegium entschieden hatten, ebenso die ähnlich arbeitende „Zentralverwaltung" des Departements. An dessen Spitze trat ein „Präfekt", den Paris mit großen Vollmachten ausstattete. Auch auf der Ortsebene setzte sich das „Ein-Mann-Prinzip" durch; der „Agent" wurde vom „Maire" abgelöst, der ebenfalls allein entscheiden konnte - soweit ihm die zahlreichen Vorschriften aus Mainz und Paris noch Spielraum ließen. Appenheim wurde mit Niederhilbersheim zu einer "Mairie" zusammengefaßt, an deren Spitze zunächst Friedrich Schmuck, dann sein Bruder Peter stand. Stellvertreter des Maire war der "Adjoint" oder "Adjunkt", in Appenheim spätestens seit 1806 Bernhard Bollen.

 

Noch wichtiger als diese Änderungen in der Verwaltung war der gesellschaftliche Wandel, der sich durch die Franzosenzeit vollzog. Auch in Appenheim beseitigte sie die letzten Reste des Mittelalters. Schon 1798 wurden alle „Feudallasten", darunter Zehnten und Frondienste, sowie alle Standesunterschiede aufgehoben. Die Grundherrschaft war mit einem Federstrich beseitigt, ebenso die Leibeigenschaft. Auch die Juden erhielten nun dieselben Rechte wie alle Staatsbürger, mußten allerdings neue Familiennamen annehmen. Ihre „Emanzipation" während der Franzosenzeit hat sicher dazu beigetragen, daß die Zahl der Juden von 13 (1801) auf 27 zu Mitte, ja auf 38 gegen Ende des 19. Jahrhunderts stieg. Seit 1798 waren alle Appenheimer rechtlich einander gleichgestellt und nur dem Staat untertan; die Amtspersonen redeten sich gegenseitig mit „Bürger" an und die Floskeln der Unterwürfigkeit verschwanden aus dem amtlichen Schriftverkehr. Die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz war auch einer der Hauptgrundsätze des 1804 von Napoleon eingeführten „Code Civil"; dieses bürgerliche Gesetzbuch blieb im Linksrheinischen übrigens bis 1900 in Kraft. Einfluß auf die Lebensführung der Appenheimer hatte auch die Einführung der „Zivilstandsregister": Seit 1798 wurden Geburten, Heiraten und Sterbefälle nicht mehr allein vor dem Pfarrer bezeugt, angemeldet odergeschlossen, sondern vor dem Adjunkten des Ortes. Die Verpflichtung zur staatlichen Registrierung von Neugeborenen, Ehepaaren und Toten war mehr als eine Formsache. Denn sie gab dem Staat mehr Einblick in das Leben der Bürger, diesen aber vor allem die Möglichkeit, sich ohne Rücksicht auf Kirchengebote trauen - und scheiden! -zu lassen.

 

Ganz allgemein wurde mit der Einführung der Zivilstandsregister auch in Appenheim einer Verweltlichung des Lebens Vorschub geleistet. Das lag durchaus im Sinn der Pariser Regierung, deren Innenpolitik bis Ende 1799 sogar ausgesprochen kirchenfeindlich war. Das zeigte sich im Verbot von Prozessionen und dem Tragen geistlicher Amtstracht, aber auch in der massiven Beschränkung des Glockenläutens. Unter Napoleon besserte sich die Lage der Kirchen, denn der „Erste Konsul" und spätere Kaiser schätzte die Religion als staatserhaltend ein. Deshalb schloß er 1801 mit dem Papst ein Konkordat und erließ 1806 für die Protestanten Frankreichs die „Organischen Artikel". Beides brachte auch für Appenheim wieder mehr Ordnung in das kirchliche Leben: Die in den letzten Jahren mehrfach verwaiste katholische Pfarrei wurde aufgelöst und Filial von Oberhilbersheim; die evangelischen Appenheimer gehörten mit ihrer Pfarrei nun zum "Consistoire" Ober-Ingelheim. Natürlich waren die konfessionellen Reibereien damit nicht beendet, doch drang Maire Schmuck auf Geheiß des Präfekten immer wieder auf einen Ausgleich zwischen Protestanten und Katholiken; und in Mainz nahm man mehr Rücksicht auf die konfessionellen Verhältnisse in Appenheim, indem man nur evangelische Ortsvorsteher ernannte. Im Konkordat von 1801 hatte der Papst übrigens der Verstaatlichung des Kirchenbesitzes zustimmen müssen, was enorme wirtschaftliche und soziale Folgen nach sich zog. So begann auch in Appenheim 1802/03 der Verkauf der bereits seit 1798 beschlagnahmten „Nationalgüter", d.h. des vorwiegend geistlichen Grundbesitzes; die Pfarrgüter waren von diesen Maßnahmen allerdings ausgenommen. Damit verschwanden die Klöster und Stifter als Großgrundbesitzer aus der Appenheimer Gemarkung. Für meist wenig Geld konnten die Bauern die „Nationalgüter" ersteigern. Meist waren die neuen Besitzer die früheren Pächter, die nun aber richtiges Eigentum an dem von ihnen bearbeiteten Boden besaßen. Das war natürlich ein Anstoß zu intensiverem Anbau und führte in ganz Rheinhessen zu einem Aufschwung der Landwirtschaft. Nun konnte man den Grundbesitz aber auch frei verkaufen, vor allem aber teilen, woraus sich die später dann nicht mehr so sinnvolle Realteilung ergab (Grundsatz: gleiche Brüder, gleiche Güter). So veränderten die französischen Maßnahmen die Appenheimer Flur. Auch das Ortsbild wandelte sich, denn die Befestigung mit ihren Toren verschwand als Rest des „Feudalzeitalters", manch neues Haus entstand, das aber- wegen der Tür- und der Fenstersteuer - zur Straße hin oft sehr verschlossen wirkte. Appenheim blieb jedoch ein großer Ort; so ergab eine Volkszählung von 1800/01 eine Einwohnerzahl von 595 Personen; darunter waren 481 Reformierte, 101 Katholiken und 13 Juden. Sechs Jahre später hatte Appenheim 589 Einwohner; von den 646 ha der Gemarkung waren damals 576 ha Äcker, 45 ha Weinberge, 23 ha Wiese und 2 ha Gebüsch. In dieser Aufstellung begegnen uns schon die neuen Maße, die ja von den Franzosen samt der einheitlichen Geldwährung eingeführt worden waren.

 

Alle Lebensbereiche waren seit 1798 von einer Erneuerung erfaßt worden. Viel Neues und Fremdes mußte verkraftet werden. Als „Fremdherrschaft" haben sicher auch die meisten Appenheimer die Franzosenzeit nicht erlebt, denn dazu war ihr deutsches Nationalbewußtsein noch viel zu wenig entwickelt. Kritik gab es an anderen Folgen der französischen Herrschaft, an den unzähligen Verordnungen, den hohen Steuern, vor allem aber an der bislang unbekannten Aushebung von Wehrpflichtigen. Diese "Konskriptionen" nahmen seit Napoleons Kampf in Spanien 1809 immer mehr zu und erreichten ihren Höhepunkt beim Krieg gegen Rußland (1812). Insgesamt sind über 20 Appenheimer in die napoleonische Armee (meist zum 16. Infanterieregiment) eingezogen worden. Davon kehrten nur fünf zurück, die übrigen 17 fielen oder blieben vermißt. Eine bittere Bilanz der Franzosenzeit, die insgesamt doch so viel Gutes gebracht hatte. Nach Napoleons mißglücktem Rußlandfeldzug und der Völkerschlacht von Leipzig fand sie im Winter 1813/14 ein jähes Ende. Verfasser: Dr. Franz Dumont aus Mainz Beitrag von 1983

 

 

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Appenheim im 19. Jahrhundert

Anfang 1814 räumten die Franzosen fluchtartig die linksrheinischen Gebiete, doch hinterließ ihr Abzug hier eine böse Spur: Es war der Typhus, den die demoralisierte und unterernährte „Große Armee" eingeschleppt hatte. Die Seuche grassierte vor allem in Mainz und den Orten entlang der „Kaiserstraße" nach Saarbrücken, doch blieb auch Appenheim nicht von ihr verschont. Das zeigen deutlich die Eintragungen in den Zivilstandsregistern: Hatte es in Appenheim (und Niederhilbersheim) 1812 und 1813 jeweils 23 Tote gegeben, so stieg deren Zahl 1814 auf 47 an (wovon die meisten in der ersten Jahreshälfte starben), sank 1815 auf 10 und erreichte -allmählich ansteigend - 1818 wieder ungefähr die alte Höhe (24). So forderte der Typhus selbst in unserem etwas abseits gelegenen Dorf viele Opfer. Den abziehenden Franzosen folgten vor allem preußische Truppen, deren Spitze unter Blücher in der Neujahrsnacht 1814 bei Kaub den Rhein überschritten hatte. Blücher und seine Soldaten -darunter viele Freiwillige - waren voll Franzosenhaß und meinten einen Befreiungskrieg zu führen. Das mochte im rechtsrheinischen. Deutschland zutreffen, im linksrheinischen galt das nicht. Dessen Bewohner sahen nämlich die einrückenden Preußen, Österreicher, Bayern usw. erneut als Besatzungstruppen an. Durchaus zu Recht, denn es gab wieder Einquartierungen, Requirierungen, Fuhrdienste und Fouragierungen. Auch die Appenheimer bekamen diese Belastungen zu spüren. Neu war allerdings eine Besatzungstruppe, die unsere Gegend trotz ihrer wechselvollen Kriegsgeschichte noch nie gesehen hatte: die Russen. Sie nahmen als Verbündete der Preußen und Österreicher am Feldzug gegen Napoleon teil und genossen natürlich den vergleichsweise hohen Lebensstandard eines „westlichen" Dorfes wie Appenheim. In unserem Ort lagen Kosaken, die nach alten Erzählungen meist grobe, aber gutmütige Leute waren, die vor allem gut verpflegt werden wollten. Den Appenheimer Wein lehnten sie ab, verlangten stattdessen Branntwein sowie Brot und Speck.

Nicht nur die Anwesenheit fremder Soldaten, sondern auch die Verwaltungspraxis zeigte, daß das Linksrheinische mehr besetzt als befreit war. Da sich die Verbündeten auf dem Wiener Kongreß lange Zeit nicht darüber einigen konnten, wem das linke Rheinufer zufallen sollte, setzten sie eine dafür gemeinsame Verwaltung ein. So wurde unser Gebiet von einer bayerisch-österreichischen Behörde in Worms regiert. Im Appenheimer Gemeindearchiv finden sich mehrere Erlasse dieser „Landesadministrationskommission", darunter Vorschriften zur Verpflegung und Unterbringung der alliierten Truppen, Pässe für Knechte und Mägde aus Appenheim als Bewohner der „zwischen dem Rhein, der Mosel und der französischen Grenze gelegenen Länder". Peter Schmuck amtierte nun als „provisorischer Bürgermeister im Namen der hohen Vereinigten Mächte". Das alles waren eher äußerliche Veränderungen, denn die meisten französischen Gesetze und Verordnungen blieben in Kraft. Das änderte sich auch nicht, als die staatliche Zugehörigkeit des linken Rheinufers 1815/16 endlich geregelt war: Der Teil nördlich der Nahe kam an Preußen, jener südlich von Worms an Bayern („Pfalz"), Mainz und sein Hinterland wurden dem Großherzog von Hessen-Darmstadt zugesprochen. Er nannte seine neue Provinz bald „Rhein-Hessen". So wurde Appenheim eine „großherzoglich-hessische Bürgermeisterei" und blieb streng genommen bis 1945 ein hessisches Dorf. Wie in der Franzosenzeit war Mainz als rheinhessische Provinzhauptstadt für viele Verwaltungsangelegenheiten zuständig, während die Landesregierung der Appenheimer nun für über 100 Jahre in Darmstadt saß. Auf der unteren Verwaltungsebene änderte sich zunächst wenig, denn der Zusammenhang mit Niederhilbersheim blieb ebenso bestehen wie die Zugehörigkeit zum Kanton Ober-Ingelheim. Als dieser 1835 mit dem Kanton Bingen zum „Kreis Bingen" vereinigt wurde, begann für Appenheim die Hinwendung zur Rhein-Nahe-Stadt.

Ansonsten brachte der Übergang an Hessen-Darmstadt gar nicht so viel Neues, zumal der Großherzog 1816 versprochen hatte, in Rheinhessen „alles Gute, was Aufklärung und Zeitverhältnisse geschaffen" hätten, beizubehalten. So bestand die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz weiter, ebenso die Öffentlichkeit der Justiz, die Gewerbefreiheit, die Zivilehe sowie die Veräußerbarkeit und Teilbarkeit des Grundbesitzes.

 

Die Landwirtschaft profitierte weiterhin von ihrer Befreiung aus den Beschränkungen durch die Grundherrschaft. Kirchlich brachte die hessische Zeit zunächst einige Änderungen: Für die protestantischen Appenheimer wurde das Jahr 1822 recht wichtig, denn damals vereinigten sich auf Landesebene Reformierte und Lutheraner zu einer „Evangelisch-protestantischen Kirche" in Hessen. Der Kalvinismus verschwand als eigenständige Konfession, doch zeigten sich gerade im Appenheimer Pfarrleben noch lange Zeit Spuren typisch reformierter Frömmigkeit, wie das Festhalten am alten kurpfälzischen Gesangbuch, die Unkenntnis von Lutherliedern beim Jubiläum 1883 und die Abneigung etlicher Gläubigen gegen das Orgelspiel in der Kirche. 1824 wurde die neue „evangelische" Pfarrei Appenheim begründet, zu der neben dem Filial Niederhilbersheim lange Zeit noch die Protestanten von Gau-Algesheim gehörten. Die Appenheimer Katholiken blieben weiter mit denen von Niederhilbersheim Filialisten der Pfarrei Oberhilbersheim im Dekanat Gau-Bickelheim des 1823 neu errichteten Bistums Mainz, dessen Grenzen mit denen des Großherzogtums Hessen übereinstimmten. Das Verhältnis zwischen beiden Konfessionen begann sich zu entspannen, worauf schon die Tatsache hinweist, daß die Katholiken ihre Kirche den Protestanten überließen, als diese ihr Gotteshaus renovierten. Auch die Zusammensetzung des Ortsvorstandes entsprach in der hessischen (wie schon in der französischen) Zeit eher dem zahlenmäßigen Verhältnis der Konfessionen, d.h., er bestand mehrheitlich aus evangelischen Appenheimern, die auch den Bürgermeister stellten.

 

Wirtschaftlich war das frühe 19. Jahrhundert für Appenheim recht erfreulich, weil sich die Landwirtschaft anfangs gut entwickeln konnte. Zunächst hatte es allerdings 1816 einen empfindlichen Rückschlag gegeben: Wochenlange Regenfälle und häufige Hagelschauer von Mai bis Oktober führten zu einer schweren Mißernte bei den Hauptanbauprodukten Getreide und Wein. Zwar kam es in Rheinhessen (u.a. durch die Parzellenwirtschaft) zu keiner regelrechten Hungersnot wie in den anderen Provinzen des Großherzogtums, doch sprach man auch hier bald vom „Hungerjahr" 1816/17, dem natürlich Verknappung und Teuerung folgten. Appenheim scheint wieder glimpflich davongekommen zu sein. Jedenfalls machte es selbst in den folgenden Jahren den Eindruck eines wohlhabenden Dorfes, in dem noch ganz das Bauerntum überwog. Die Verteilung der Berufe können wir aus einer Musterliste des hessischen „Rekrutierungskantons bei Rhein / Amt Ober-Ingelheim / Bürgermeisterey Appenheim" ersehen, die 1817 erstellt wurde. Danach gab es damals hier 97 „Ackermänner", 4 Küfer, 6 Schuhmacher, einen Nachwächter, je 2 Zimmermänner, Maurer, Schreiner und Krämer, je 6 Müller, Schneider und Leineweber, 3 Schmiede und Bäcker sowie einen Wagner außerdem 11 Tagelöhner. Appenheim war noch reine Landgemeinde, in der es neben den Bauern fast nur Gewerbe gab, die den Bedarf eines Dorfes einschließlich des Weinbaus abdeckten. Auch die Tagelöhner fanden wohl in der Landwirtschaft Arbeit.

 

Allerdings wurde die Möglichkeit dafür bald geringer, denn seit Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs die Appenheimer Bevölkerung ständig: 1804 hatte unser Ort 611, drei Jahre später 589 Einwohner; 1815/16 waren es wieder 679, 1830 aber schon 845, vier Jahre danach sogar 865 Appenheimer. So wurde es Mitte des 19. Jahrhunderts für viele Appenheimer immer schwieriger, Arbeit und Auskommen im eigenen Ort zu finden, obwohl der Grundbesitz weiter geteilt wurde. So ist es kein Wunder, wenn sich Leute bereit fanden, die Heimat zu verlassen und „nach Amerika zu machen". In Rheinhessen war diese Auswanderungsbewegung allerdings nicht so stark wie in den Notstandsgebieten des rechtsrheinischen Hessen. Dennoch sah die Regierung die Abwanderung nicht gern; so sandte sie auch an die Appenheimer Bürgermeisterei „Aufklärungsschriften", die vor dem Leben in Übersee und der gefahrvollen Reise dorthin warnten. Das hielt die Auswanderungswilligen nicht ab, und so verließen zwischen 1852 und 1867 etwa 30 Familien Appenheim, meist in Richtung USA. Das erklärt auch zur Hauptsache, warum die Bevölkerungszahl Appenheims 1858 auf 833 Personen abgesunken war.

 

Die Auswanderungen hatten jedoch nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Ursachen. Denn einige Jahre vorher war die Revolution von 1848/49 niedergeschlagen worden. Diese gesamtdeutsche Volkserhebung hatte versucht, aus den 38 Einzelstaaten des Deutschen Bundes ein „Deutsches Reich" zu machen und ihm eine freiheitliche Verfassung zu geben. Dazu tagte in der Frankfurter Paulskirche eine frei gewählte „Nationalversammlung"; Symbol der Revolution waren die Farben Schwarz-Rot-Gold, die man bald auch überall in Rheinhessen sah. Wie die Appenheimer sich zu dieser Bewegung für Einheit und Freiheit verhielten, ist (noch) nicht geklärt; doch waren sie gewiß zurückhaltender als die Binger und Algesheimer Revolutionäre, die 1849 hier durchzogen, um in der Pfalz als Freischärler gegen die preußischen und bayerischen Truppen zu kämpfen. Es half nichts, die Fürsten blieben Sieger und konnten den Ruf nach Freiheit zum Schweigen bringen.

 

Dagegen wurde der Ruf nach Einheit immer lauter. Auch die meisten Appenheimer zeigten um die Jahrhundertmitte schon deutsches Nationalbewußtsein; während sie sich früher nur als Kurpfälzer und dann als Hessen gefühlt hatten, wollten sie nun Deutsche sein. Man empfand die Aufsplitterung des Vaterlands als Schande, außerdem war man sich einig in der Abneigung gegen den „Erbfeind" Frankreich, dessen Macht ja gerade die Appenheimer oft genug zu spüren bekommen hatten.

 

All diese Strömungen machte sich - seit dem Fehlschlag von 1848/49 - Preußen zunutze. Unter Leitung Bismarcks suchte es seit 1860 Deutschland unter seiner Führung zu einigen. Zunächst drängte es Österreich durch den „Bruderkrieg" von 1866 aus dem Deutschen Bund hinaus. Hessen-Darmstadt stand damals auf Seiten der Verlierer, mußte etwas Land an Preußen abtreten, sich aber vor allem der Berliner Politik bedingungslos anschließen. Bismarcks Kurs war inzwischen sehr populär geworden, denn er rückte eine (klein-) deutsche Einigung in greifbare Nähe - und die Abrechnung mit Frankreich. 1870 war es dann soweit: Provoziert von Kaiser Napoleon 111. traten alle deutschen Staaten unter Führung Preußens in den Krieg gegen Frankreich ein. Allenthalben herrschte große Kriegsbegeisterung, und auch in Appenheim hörte man starke Worte gegen den „Erbfeind". Preußische Soldaten waren in den Bauernhöfen, die Offiziere im Pfarrhaus einquartiert. Über 30 Appenheimer zogen mit hessischen Divisionen in den Krieg. Zehn von ihnen fielen in den harten Kämpfen oder starben an ihren Verwundungen -eine verhältnismäßig hohe Zahl, die hier im Dorf schmerzlich empfunden wurde. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, daß nach damaligem Verständnis die gefallenen Appenheimer den „Heldentod" auf dem „Feld der Ehre" gestorben waren, was ihren Angehörigen sicher über viel Leid hinweghalf. 1874 errichteten die „Appenheimer Frauen und Jungfrauen" den gefallenen und heimgekehrten Kriegern neben der evangelischen Kirche ein Denkmal. Auf ihm steht eine „Germania" mit Krönungsmantel, Lorbeer, Schwert und Schild- Sinnbild des geeinten, siegreichen und selbstbewußten Deutschland.

 

Denn das Ergebnis des Krieges von 1870/71 war die Gründung eines „Deutschen Reiches" unter Führung Preußens. In Appenheim feierte man das mit Gottesdiensten und der Pflanzung einer „Friedenslinde". Begeistert vermerkte der evangelische Pfarrer in seiner Chronik: „So endigte dieser von Frankreich frivol hervorgerufene Krieg durch Gottes Gnade, die Tapferkeit seines unvergleichlichen Heeres und die Tüchtigkeit seiner Führer in einem für Deutschland glorreichen, wenn auch mit schweren Opfern errungenen Frieden, durch den Frankreich an Deutschland fünf Milliarden Francs Kriegsentschädigung bezahlen und die früher geraubten Provinzen Elsaß und Deutsch-Lothringen zurückgeben mußte. Höher noch ist zu schätzen die Wiederherstellung des deutschen Reiches unter dem protestantischen Kaiser Wilhelm".

 

So brachte die Reichsgründung neben der lang ersehnten politisch-wirtschaftlichen Einigung Deutschlands gerade der evangelischen Mehrheit ein neues Selbstbewußtsein. Dagegen taten sich die Katholiken - in Appenheim ja in der Minderheit- mit dem neuen Reich schwerer, zumal bald zwischen Kirche und Staat der „Kulturkampf' ausbrach. Er beruhte vor allem auf dem Gegensatz zwischen dem Nationalstaat und der gerade seit 1870 wieder stärker an den Papst in Rom gebundenen „internationalen" katholischen Kirche. In Hessen wurde der Kulturkampf zwar weniger heftig als in Preußen geführt, doch blieben auch hier seit etwa 1875 viele Pfarreien unbesetzt, darunter Oberhilbersheim, wozu die Appenheimer Katholiken ja gehörten. Die konfessionellen Fronten im Dorf verhärteten sich wieder.

 

Im Zusammenhang mit dem Kulturkampf stand auch das Bestreben des Staates, den kirchlichen Einfluß im Schulwesen zurückzudrängen. Und so ist es gewiß kein Zufall, daß in Appenheim 1874 eine "Communalschule" errichtet wurde. Denn sie entstand aus der Vereinigung der beiden Konfessionsschulen, die es seit Ende des 16. bzw. 18. Jahrhunderts gab. Die Franzosen - die wenig Geld und Sinn für das Bildungswesen hatten - ließen beide als „Primärschulen" bestehen. Nach der hessischen Kircheneinigung von 1822 wurde die reformierte als „evangelische" Schule weitergeführt, zeitweilig sogar mit zwei Lehrern. 1857 erhielt diese Schule einen Neubau (an der Stelle der heutigen Spar- und Darlehnskasse); das Gebäude war von der Gemeinde finanziert, wurde aber - nach Meinung des Pfarrers - „durch die Sparsamkeit des Bürgermeisters, die nicht am rechten Ort war, nicht das, was es hätte werden können". So waren sicher die meisten Appenheimer einverstanden, als 1880 an der Südseite des Dorfes ein Neubau für die "Communalschule" entstand. Zwar erwies sich die Fundamentierung wegen des vielen Wassers am Bauplatz als sehr schwierig, doch konnte die neue Schule (heute Sitz der Ortsgemeindeverwaltung) im Herbst 1881 eingeweiht werden; allerdings wurden die Schulräume im Rathaus und der Evangelischen Schule bis zum Ersten Weltkrieg weiter benutzt. Die Schule hatte zwei Lehrerstellen, von denen die erste stets mit einem Protestant, die zweite mit einem Katholiken besetzt wurde. In zwei Klassen wurden durchweg etwa 160-170 Schüler unterrichtet.

 

Zum neuen Schulgebäude an der Straße nach Niederhilbersheim kamen bald Privathäuser hinzu, und auch an anderen Stellen wuchs der Ort über seinen alten Kern hinaus. Zusehends veränderte sich das Aussehen von Appenheim. 1886 wurden jene 80 Effen gefällt, die als Teil der Ortsbefestigung das Dorf an der Nordostseite umgaben. Im gleichen Jahr vermerkte der Pfarrer eine weitere Neuerung: „Als ein Zeichen fortschreitender Kultur ist die Einführung von Straßenbeleuchtung zu betrachten, vorläufig durch Anbringung von 5 Laternen." Einige Jahre später (1891) kam die Wasserleitung hinzu, kurz darauf wurde von dem 1891 gegründeten „Soldaten- und Turnverein" die Turnhalle gebaut. Ein reges Vereinsleben entfaltete - im engen Zusammenhang mit der Pfarrei - auch der 1861 gegründete „Männergesangverein", der sich später mit dem noch älteren evangelischen Männerchor zum "Schubertbund" zusammenschloß.

Überall schien es seit der Reichsgründung voranzugehen. Das sieht man schon an der Bevölkerungsentwicklung von Appenheim: So stieg die Einwohnerzahl von 833 im Jahr 1858 auf 871 (1861), betrug 1880 879 Personen und erreichte 15 Jahre später mit 961 ihren Höhepunkt. Damit wich Appenheim vom rheinhessischen Gesamttrend ab, denn die Landbevölkerung der Provinz nahm seit ca. 1860 zugunsten der Rheinstädte ständig ab. Erst nach der Jahrhundertwende war diese Entwicklung auch in Appenheim zu spüren, dessen Einwohnerzahl dann aber innerhalb von fünf Jahren um 100 sank (1905: 933, 1910: 839 Einwohner). Die Landwirtschaft hatte zwar-wegen des großen deutschen Marktes und Bismarcks Schutzzollpolitik - zunächst einen ungeahnten Aufschwung genommen, doch drang bald auch ausländische Konkurrenz nach Deutschland und die Bodenerträge waren nicht beliebig zu steigern. Außerdem blieben ja die Bauern bei allem technischen Fortschritt immer von den Launen der Natur abhängig, die weiterhin ihr Leben bestimmte. Deshalb nahm die „Witterung" auch stets den ersten Platz in den Appenheimer Pfarrchroniken ein. Die Eintragungen zeigen, daß das Wetter schon damals unberechenbar war. So z.B. 1882, also vor ziemlich genau 100 Jahren:

 

„Der Winter verlief in äußerst gelinder Weise ohne jeglichen Schnee; welcher Umstand sich für die ärmeren Leute als sehr günstig erwies, indem dieselben hierdurch in den Stand gesetzt wurden, den ganzen Winter hindurch Futter auf den Äckern zu holen. Am 12. März trat sogar Sonnenwetter ein, so daß beispielsweise am 13. März der Thermometer 14° im Schatten zeigte, am 19. März sogar 16° im Schatten . . . Mitte Mai gab es wieder kalte Nächte und in der Nacht vom 16. auf 17. Mai so starken Frost, daß die offenen Frühkartoffeln und Bohnen erfroren, sowie die nieder gelegenen Weinberge die Hälfte ihrer Augen verloren . . . der dritte Pfingsttag (30. Mai) brachte uns ein starkes Gewitter und furchtbaren Hagelschlag im Gefolge, wie seit Menschengedenken keines erlebt wurde . . . .Viele Reben wurden zerschlagen, Baumäste abgerissen und im Dorf selbst eine Menge Dachziegeln durchlöchert und Fensterscheiben zersplittert. In der,Meßgewann` lagen ganze Kornäcker geschlagen darnieder, ebenso in der Laurenziberger Gemarkung, wo auch die Weinberge unbeschreibliche Noth litten . . . Der Juni zeichnete sich durch sehr muhe Witterung aus, am 17. Juni in der Frühe zeigte der Thermometer sogar nur 2° Wärme, so daß Frost eintrat: Die Rasen in den Gärten waren starr, und weiche Blumen und Pflanzen in denselben wie auch Bohnen und Kartoffeln in den Thalfeldern sind schwarz."

 

Trotz solcher Rückschläge ging es den Appenheimern Ende des 19. Jahrhunderts verhältnismäßig gut. Natürlich gab es auch Spannungen, Gegensätze zwischen reichen und armen Bauern, zwischen Landwirten und Arbeitern, von denen übrigens viele bei der Eisenbahn, manche bei der auf dem Westerberg kurzfristig betriebenen Bohnerzgrube arbeiteten. Manchmal flackerten noch alte konfessionelle Gegensätze auf, z. B. wenn sich die Protestanten über das „herrische, ultramontane und reichsfeindliche Auftreten" eines katholischen Lehrers beschwerten. Bei den Gemeinderatswahlen gab es seit etwa 1880 eine „gelbe" und eine „schwarze" Partei, die aber nichts mit Konfessionen oder Weltanschauungen zu tun hatten, sondern rein persönliche Gruppierungen waren. Bei den Wahlen zum Reichstag entfielen 1893 in Appenheim 68 Stimmen auf den nationalliberalen Kandidaten Avenarius, 58 auf den Freisinnigen A. Träger, 22 auf den „ultramontanen" Zentrumskandidaten Wasserburg und 18 auf den Sozialdemokraten Dörr. Zehnjahre später erhielt der Bewerber der Nationalliberalen 31 der des Zentrums 32, der Sozialdemokratie 9, der der „freisinnigen" Volkspartei aber 79 Stimmen. Bei der Stichwahl stimmten dann 134 Appenheimer für den Freisinnigen und 56 für den Zentrumspolitiker. Die Reichstagswahl von 1912 brachte einen knappen Sieg der Nationalliberalen.

 

Obwohl durch das Mehrheitswahlrecht verzerrt, lassen diese Ergebnisse doch die von den Appenheimern bevorzugten politischen Richtungen erkennen: es waren die liberalen und eher „rechts" stehenden Parteien. Zentrum und SPD verfügten über eine kleine, aber ziemlich beständige Anhängerschaft, die natürlich vor allem in den Reihen der katholischen Minderheit bzw. der Appenheimer (Eisenbahn-)Arbeiter zu suchen ist. In der „öffentlichen Meinung" des Dorfes herrschte freilich eine breite Zustimmung zu Staat und Politik des wilhelminischen Deutschland. Die Trauer, die hier im "Dreikaiserjahr" 1888 wegen des Todes von Wilhelm I. und Friedrich III. geäußert wurde, war gewiß echt, ebenso die Dankbarkeit, die beim Pflanzen der „Gedächtnislinde" zu Ehren Wilhelms I. (1897) vor der Kirche in Reden und Predigt zum Ausdruck kam. Gern beging man die nationalen Gedenktage, wie die Feier zum 25jährigen Jubiläum der Schlacht von Sedan, die den Krieg von 1870/71 entschieden hatte: „Am 1. September fand mit Musik und Gesangsvorträgen beider Vereine mit Reden und Toasten in der Turnhalle eine Vorfeier statt, nach deren Beendigung unter Vorantritt der Musik und Gesang von patriotischen Liedern ein Festzug zu dem auf dem Klopp angezündeten Freudenfeuer sich bewegte. Am Montag, dem 2ten Sept. fand vor überfüllter Kirche ein Festgottesdienst statt, abends 9 Uhr ward großes Feuerwerk vor dem Kriegerdenkmal abgebrannt und die Veteranen des Krieges erhielten in der Wirthschaft von Schmuck Wittwe von der Gemeinde ein Frei-Essen und jeder 2 Flaschen Wein. Der Gemeinderat und viele Bürger nahmen daran teil." Stolz auf das Erreichte und zufrieden mit dem Bestehenden ging Appenheim ins 20. Jahrhundert. Der technische Fortschritt schien unbegrenzt: Auf dem Westerberg war ein „Dampfpflug" in Betrieb genommen worden und am B. März 1912 überflog das "Zeppelinluftschiff Viktoria Luise" in geringer Höhe das Dorf.

 

Wichtigstes Ereignis zu Beginn des neuen Jahrhunderts war für die Mehrheit der Appenheimer die Renovierung der evangelischen Kirche, die Würth in seiner Chronik ausführlich beschrieben hat. 1905 begannen die Arbeiten an dem Gotteshaus, das nun endlich einen Turm erhielt. Jetzt fertigte die hessische Denkmalspflege nach Vorbildern aus der Barockzeit einen Entwurf an, der 1906 zur Ausführung kam. Der Turm trug schon einen hölzernen Helm als die Fertigstellung wegen statischer Mängel in den Fundamenten von den staatlichen Baubehörden gestoppt wurde. Unfertig „stand hernach der Turm das ganze Jahr über zum Staunen und Spott der Nachbargemeinden". Dann erfolgte durch eine andere Firma der Abbruch und Neuaufbau nach leicht abgewandeltem Entwurf. Am 29. November 1908 konnte dann die - auch innen renovierte evangelische Pfarrkirche wiedereröffnet werden. Als Pfarrer Würth aus diesem Anlaß eine Geschichte von Appenheim herausgab, schloß er seine Chronik mit den Worten: „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt." Verfasser: Dr. Franz Dumont aus Mainz, Beitrag von 1983

 

 

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Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg

Mit diesem Ausspruch Bismarcks hatte der Pfarrer die Stimmung der Appenheimer getroffen. Man war national gesinnt, glaubte an Deutschlands Größe und die Weisheit seiner Staatsmänner. 1913 spendeten in Appenheim Pfarrer, Lehrer, Gemeindeund Kirchenvorstand Geld für ein Bismarckdenkmal auf der Binger Elisenhöhe. Beim Turmbau der evangelischen Kirche hatte man die Grundsteinurkunde nach den Regierungsjahren „unseres tatkräftigen Kaisers Wilhelm II." datiert. Gerade dieser aber meinte, Deutschland müsse unbedingt Großmacht, ja Weltmacht werden. Das mußte zwangsläufig zu Konflikten mit der Seemacht England führen; zu Frankreich bestand seit 1871 ohnehin ein sehr gespanntes Verhältnis. Im Osten drängte Rußland auf den Balkan und bedrohte das mit Deutschland verbündete Österreich-Ungarn, das als Vielvölkerstaat schon von innen gefährdet war. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers (Juni 1914) löste dann den bewaffneten Konflikt zwischen den „Mittelmächten" Deutschland und Österreich einerseits und der „Entente" (England, Frankreich, Rußland) andererseits aus.

 

Erfüllt vom Stolz auf die eigene Nation und vom Hag auf andere zogen die Völker gegeneinander in den Krieg. An vielen Orten Deutschlands herrschte nach dem Bekanntwerden der „Mobilmachung" Anfang August 1914 großer Jubel, marschierten die Soldaten froh, ja begeistert an die Front. Nicht so in Appenheim, wo der gewiß sehr „nationale" Pfarrer in seiner Chronik vermerkte:

Von Begeisterung war in unserem Dorfe nichts zu merken. Keine Vaterlandslieder, kein Hurra-Rufen ertönte . . . Der Gedanke an das Düstre, Schwere, das bevorstand, der Gedanke, unsre Männer, Söhne müssen fort, ließ keinen Enthusiasmus aufkommen . . . Überall das Gefühl, als sei ein großes Unglück geschehen, das, obwohl man es ja eigentlich erwartet hatte, doch eine Art starren Schreckens allen einflößte. In großen Gruppen standen die Männer und besprachen ihren Marschbefehl, in den Häusern sah man weinende Frauen; besonders die klagten, deren Angehörige bereits unter den Fahnen waren. Aber bei aller Ergriffenheit und allem Schrecken zeigte sich doch auch bei unsern Dorfbewohnern die ruhige Entschlossenheit, die bereit war, sich zu wehren gegen den mächtigen, wohl überlegten feindlichen Überfall und schon regte sich in ihnen der tiefe, ehrliche Zorn, der so furchtbar für den Feind geworden ist. Besonders gewaltig flammte dieser Zorn auf, als England uns den Krieg erklärte, aber auch gegen den alten Erbfeind Frankreich, von dem man - wenn es schlimm würde - für unsere Gegend die erste und größte Gefahr fürchtete. In solch ehrlichem Zorn hörte ich einen der Ausrückenden sagen: ,Und wenn der Rhein von unserem Blute rot wird, sie sollen ihn nicht haben.` Vaterlands- und Familienliebe gab wohl den meisten der ausziehenden Krieger diese Entschlossenheit mit."

 

So zogen die Appenheimer in den Krieg. Zunächst blieben noch viele Bauern zurück, die aber sehr wohl wußten, daß es mit der ruhigen Zeit vorbei war. Schnell bestellten sie noch ihre Felder, bevor ihnen die Pferde abgenommen wurden. Daß dazu ein Sonntag herhalten mußte, ließ ihnen selbst der Pfarrer durchgehen. Ja, er verschob den Gottesdienst sogar auf abends; dann segnete er die abziehenden Krieger, woran auch viele Katholiken und die ortsansässigen Juden teilnahmen.

 

Vierjahre tobte der erste Weltkrieg, am schlimmsten in Belgien und Frankreich, aber auch in Polen, Rußland, auf dem Balkan und in Italien. 143 Appenheimer nahmen an den Kämpfen teil, die meisten von ihnen an der Westfront, wo es nach den ersten großen deutschen Vorstößen schon bald zum erbitterten „Stellungskrieg" kam. Die Erlebnisse in den „Materialschlachten" der hochgerüsteten Gegner, in der „Hölle von Verdun", blieben den Appenheimern, die als „Feldgraue" dienen mußten, immer in Erinnerung.

Doch nicht nur draußen an der Front, auch im Dorf wurde der Krieg mehr und mehr zum Alltag. Kurz nach dem Abmarsch der eigenen-Leute bekam Appenheim eine Einquartierung von 1200 Mann, darunter viele Rekruten; sie wurden hier vereidigt und vom Pfarrer über den Sinn des Fahneneids in der Stunde der Not belehrt. In der Pfarrkirche gab es nun "Kriegsgebetsstunden", der Gemeinderat befaßte sich mit Quartierlisten, der Heranziehung von Appenheimern zum Kriegsdienst und der „militärischen Vorbereitung der Jugend". Galt diese vor allem den Buben, so sammelten die Appenheimer Mädchen „Liebesgaben" für die Soldaten, brachten Lebensmittel zur Gau-Algesheimer „Erfrischungsstelle" für Frontsoldaten oder gaben solche in den Binger und Mainzer Lazaretten ab und nähten Hemden für Verwundete. Eine für die geschädigte Zivilbevölkerung Ostpreußens, für die Kriegsgefangenen und rief zur Zeichnung der „Kriegsanleihe" auf. Als in der zweiten Kriegshälfte sich die Hungerblockade der Alliierten in den Ballungsgebieten Deutschlands sehr bemerkbar machte, nahmen die Appenheimer im Sommer 1917 etliche Großstadtkinder aus Mainz und Barmen zur Erholung auf. Wenn sich auch hie und da Kritik an den Heerführern, ja am Krieg überhaupt regte, so stand die Mehrheit der Appenheimer doch hinter der Regierung, die Deutschland im Kampf„gegen eine Welt von Feinden" sah. Nicht froh, aber durchaus verständnisvoll sahen die Appenheimer, wie die Glocken der Pfarrkirche, ja sogar Orgelpfeifen in die „Waffenschmiede des Vaterlandes" wanderten. Die 400 Jahrfeier der Reformation (1917) hatte in unserem Dorfwie allenthalben - starke nationale Untertöne, und die Kriegsanleihe wurde noch immer eifrig gezeichnet. Amtliche Propaganda, wie sie z. B. die Oberste Heeresleitung mit dem Flugblatt „Deutsche, wehrt Euch!" betrieb, war in Appenheim eigentlich unnötig. Denn auch hier glaubte man - trotz vereinzelter feindlicher Fliegerangriffe - noch im Sommer 1918 fest an einen Sieg des deutschen Heeres.

 

Umso bitterer war das Erwachen, als sich im Herbst 1918 das Gegenteil herausstellte: Die Deutschen mußten vor der Gegenoffensive der Alliierten zurückweichen und auch im Südosten kam die Front der Mittelmächte ins Wanken. Bereits Ende September streckten Reichsregierung und Militärs Friedensfühler zu den Alliierten aus, denn bei den Soldaten gärte es. Im Reich selbst leitete der Kaiser halbherzige Reformversuche ein, doch die Katastrophe war nicht mehr aufzuhalten. Anfang November meuterten mehrere Truppenverbände, Kaiser und Fürsten traten zurück, am 9. November wurde in Berlin die Republik ausgerufen und am 11. mußten die Deutschen mit Franzosen, Engländern und Amerikanern einen Waffenstillstand zu harten Bedingungen schließen. Daß die Revolution vom November 1918 mit einer militärischen Niederlage gekoppelt war, erwies sich im weiteren Verlauf der deutschen Geschichte als folgenschwer, zumal die jetzt eingeführte Demokratie von der Mehrheit des Volkes nicht richtig bejaht wurde.

 

All dies kann man recht gut an den Appenheimer Reaktionen auf Revolution und Kriegsende ablesen: Sehr schnell breitete sich auch hier die "Dolchstoßlegende" aus, wonach das deutsche Heer nicht geschlagen worden wäre, hätte die Heimat nicht mit dem Umsturz begonnen.

 

So erschien dem Appenheimer Pfarrer der 9. November 1918 nicht als Neuanfang, sondern als Beginn einer „Zeit tiefster Erniedrigung und ungeahnten, ungeheuren Zusammenbruchs nach außen und innen." Eine „Revolution" fand in Appenheim ohnehin nicht statt, denn der wohl von einigen „Eisenbahnern" gewünschte „Arbeiter- und Soldatenrat" kam gar nicht erst zustande. Stattdessen bildete der Gemeinderat am 17. November 1918 eine „Bürgerwehr", die für Ruhe und Ordnung sorgen sollte. Vom 26. November bis 3. Dezember verpflegten die Appenheimer die deutschen Soldaten, die entsprechend der Waffenstillstandsbedingungen das linke Rheinufer binnen 4 Wochen verlassen haben mußten. „Die heimkehrenden Krieger hatten nur noch einen Gedanken, möglichst rasch in ihre Heimat und zu ihren Angehörigen zu kommen". Auch die Appenheimer Krieger kehrten heim; zu ihrem Empfang hatte sich das Dorf festlich geschmückt, und an den Ortseingängen standen Ehrenbögen. Allerdings hatte der Weltkrieg 19 Appenheimern das Leben gekostet - fast doppelt so vielen wie der Krieg von 1870/71. Acht Appenheimer waren gefallen, ebenso viele an ihren Verwundungen gestorben, das Schicksal der übrigen blieb ungewiß.

 

Diese Verluste wogen umso schwerer, als der Krieg mit einer Niederlage verbunden war. Deren Außmaß zeigte sich vor allem darin, daß die Franzosen das linke Rheinufer besetzten. Für Appenheim war das die fünfte französische Besetzung, doch wohl die erste, die wirklich als „Schmach" empfunden wurde. Dies vor allem deshalb, weil auch die Appenheimer spätestens seit der Reichsgründung ein starkes Nationalbewußtsein hatten und die Franzosen gerade darauf keinerlei Rücksicht nahmen, ja sogar das Linksrheinische von Deutschland zu trennen suchten. Am 26. Dezember 1918 bekam Appenheim die erste Einquartierung von Franzosen; bis Ende des folgenden Jahres lag französische Infanterie und Artillerie hier. „In dieser Zeit", so vermerkte der Pfarrer, „hatte Appenheim das Aussehen eines französischen Garnisonsortes. Am Eingang des Dorfes wurden Schilderhäuser (in den französischen Farben) aufgestellt, ebenso am Rathaus, genaue Verhaltungsvorschriften der Truppe gegenüber den Bürgern bekanntgegeben, bei deren Nichtbefolgung man in Arrest fliegen konnte, was auch manchem Appenheimer tatsächlich passierte."

 

So beschwerte sich der französische Ortskommandant im Mai 1919 über tätliche Angriffe auf einen Soldaten und verlangte - unter Androhung von hohen Geldstrafen - die Namhaftmachung des Täters. Der Gemeinderat suchte die Sache gütlich beizulegen; kategorisch lehnte er dagegen das Ansinnen der Franzosen ab, 18 Appenheimer zum Pferdeputzen abzuordnen. Solch kleinliche Schikanen waren es vor allem, die das Verhältnis zwischen Franzosen und Deutschen vergifteten. Dagegen wurden die Heu-, Stroh- und Lebensmittellieferungen sowie die Fuhrdienste eher als lästig, aber normal angesehen. Der Unmut der Appenheimer schlug in Empörung um, als die Franzosen 1923 ihr Besatzungsgebiet wiederrechtlich ausdehnten ("Ruhrkampf ") und gleichzeitig die Trennung der Rheinlande von Deutschland betrieben. Wegen des „Ruhrkampfs" hatte die Berliner Regierung die Rheinländer zum „passiven Widerstand" aufgerufen, vor allem zum Boykott des von den Franzosen übernommenen Eisenbahnwesens. So beschloß der Appenheimer Gemeinderat im Februar 1923: „Für angebrachte Unterstützung der infolge des Bahnstreiks erwerbslos gewordenen Arbeiter muß unter allen Umständen gesorgt werden." Die Franzosen schlugen hart zurück, nahmen willkürliche Verhaftungen vor und verwiesen die Teilnehmer am passiven Widerstand des Landes. So wurde kurz nach Ostern 1923 ein Appenheimer Landwirt verhaftet und ins unbesetzte Rechtsrheinische abgeschoben; im Juni desselben Jahres mußten 11 Eisenbahner mit ihren Familien Appenheim verlassen. Auf entschiedene Ablehnung stieß in unserem Dorf dann die Bewegung der Separatisten, die die Rheinlande von Deutschland trennen und eng an Frankreich anschließen wollten. Dazu vermerkte der Pfarrer in seiner Chronik: „In hiesiger Gemeinde fand die „Rheinische Republik" -von einigen fanatischen Katholiken abgesehen - keinen Anklang. Auch bei diesen flaute die Begeisterung für die Republik wesentlich ab, als ein rheinisch-republikanisches Auto in der Hassemer-Mühle gegen den Willen des Besitzers größere Mengen Mehl und Kartoffeln holte." Abgesehen von seinem Seitenhieb auf die andere Konfession hatte der Pfarrer insgesamt sicher Recht: Die „Rheinische Republik" scheiterte allerorten am entschiedenen Widerstand der Bevölkerung.

Wie groß in Appenheim der Groll gegen die Separatisten war, zeigt ein Vorfall aus dem Jahr 1926: An einem Winterabend läutete die Sturmglocke, alles kam aus den Häusern, man sah aber nichts brennen. Da hieß es: In der Hassemer-Mühle sind Räuber, vielleicht Separatisten. Flugs eilten mehrere Appenheimer zur Mühle, stellten aber vorher noch Straßensperren auf. An der Mühle stand nur ein Pkw, dessen Fahrer auf zudringliche Fragen nur ausweichende Antworten gab. Deshalb wurde er von einem Appenheimer kurzerhand verprügelt. Schon bald stellte sich aber heraus, daß hier nur ein Metzger mit einem Taxi von Mainz gekommen war, um ein Schlachtpferd zu kaufen. Schnell sahen die Appenheimer „Helden" ihren Irrtum ein und riefen einander zu: „Geht heim, wir sind blamiert". Für den Appenheimer, der den Taxifahrer verprügelt hatte, gab es allerdings ein unangenehmes gerichtliches Nachspiel.

 

So machte Appenheim in den nächsten Wochen Schlagzeilen - freilich keine besonders ruhmreichen. Der Vorfall zeigt aber, wie gespannt die Stimmung im Ort zu Zeiten der französischen Rheinlandbesetzung war. Die allgemeine politische Einstellung der Appenheimer im ersten Jahrzehnt der Weimarer Republik läßt sich am besten an den Wahlergebnissen für den Reichstag und den hessischen Landtag ablesen, wie sie von Michael Rauh zusammengestellt und analysiert wurden. Danach erhielten die liberalen Parteien DDP und DVP die meisten Stimmen, doch konnte auch die SPD ihren Anteil verbessern; ziemlich gleich blieb dagegen das Ergebnis des katholischen Zentrums. Trotzdem bestanden in unserem Dorf noch viele Vorbehalte gegen die Demokratie, gegen den Parlamentarismus und das „Parteiengezänk". Von der wirtschaftlich-sozialen Krise der Weimarer Republik, vor allem von der Inflation 1923, war Appenheim allerdings weniger betroffen, da viele Bauern sich selbst versorgen konnten. Freilich befaßte sich der Gemeinderat 1923 öfters mit Unterstützungsgesuchen von „Erwerbslosen", mit Winterbeihilfen für Arme und mit dem in die Krise geratenen Kleingewerbe. Noch aber war die Landwirtschaft vorherrschend, von der 1925 rund 60 Prozent der Appenheimer lebten. In diesem Jahr wurde auch eine Postomnibuslinie von Oberhilbersheim nach Gau-Algesheim eröffnet, die besonders den Appenheimer Eisenbahn- und Fabrikarbeitern zugute kam. Die Errichtung bzw. Auflösung einer evangelischen Krankenschwesternstation löste in diesen f ahren heftige Debatten, teilweise konfessionell bedingt, aus. Einig war man sich dagegen im Bau eines Kriegerdenkmals, das den Opfern des Weltkriegs auf dem Friedhof errichtet werden sollte. Am 23. September 1928 wurde es eingeweiht, wobei neben dem katholischen und dem evangelischen Pfarrer auch ein Vertreter der jüdischen Gemeinde Gau-Algesheim sprach.

 

Noch freudiger begingen die Appenheimer zwei Jahre später den Abzug der Franzosen. Wie allenthalben, so fand auch in Appenheim am 30. Juni 1930 eine „Befreiungsfeier" statt. „Auch wir", so notierte der Pfarrer, „hatten auf dem Westerberg ein Feuer angezündet. Die ganze Gemeinde, alle Vereine und die Lehrer mit den Schulkindern sowie Bürgermeister und Pfarrer zogen unter Glockengeläute von der Turnhalle zum Kriegerehrenmal. Dort hielt nach verschiedenen Darbietungen der Schreiber dieser Zeilen eine Festrede." Zu dem Festakt, der am nächsten Tag in der Schule stattfand, stiftete der Gemeinderat jedem Schulkind einen "Bubenschenkel". Solche gab es auch bei den Feiern, die jeweils im Juli/August zum Gedenken an die demokratische Verfassung von 1919 stattfanden. Daß es um diese „Verfassungsfeiern" im Gemeinderat immer wieder zu Auseinandersetzungen kam, zeigt jedoch, wie wenig Rückhalt die Demokratie auch in unserem Dorf hatte. Mal wurde die Abhaltung der Feier nur mit knapper Mehrheit befürwortet, mal ganz abgelehnt, obwohl die SPD ausdrücklich einen kostenlosen Redner in Aussicht stellte. 1932 lehnten alle Gemeinderäte bis auf einen Vertreter der Sozialdemokraten - die Ausrichtung einer Verfassungsfeier ab. Doch damals war die Weimarer Republik ohnehin schon am Ende. Seit 1929/30 hatte die Weltwirtschaftskrise auf Deutschland übergegriffen, zum Zusammenbruch vieler Firmen, vor allem aber zu einer erschreckend hohen Arbeitslosigkeit (über 6 Millionen Menschen im Jahr 1932) geführt. Die Zerstrittenheit der Parteien, die inneren Mängel der Weimarer Verfassung, die dauernden Wahlen und die Hetze der Links- und Rechtsextremen gegen das „System" gefährdeten bereits den Bestand der Demokratie. Hinzu kamen die wirtschaftlichen Folgen der Niederlage von 1918, besonders die von den Siegern im Versailler Friedensvertrag verlangten „Reparationen". All das war kaum mehr zu bewältigen.

 

Auch in Appenheim gewann jetzt die „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei" unter Adolf Hitler (1889-1945) rasch an Boden. Diese rechtsradikale, „faschistische" Bewegung lehnte die demokratische Staatsform ganz offen ab, propagierte stattdessen den totalen Staat, der dem „Führer" folgte und in dem sich jeder Einzelne dem „Volksganzen" vollkommen unterzuordnen hatte. Diese von den „Nazis" angestrebte „Volksgemeinschaft" sollte auch rassisch eine Einheit sein; deshalb wollte Hitler die Juden - die er ohnehin für den Weltfeind Nr. 1 hielt - aus Deutschland hinausdrängen, ja, ganz ausmerzen. Außenpolitisch forderte die NSDAP die Aufkündigung des "Schmachfriedens" von Versailles und die Ausdehnung Deutschlands nach Osten, wo der angeblich so notwendige Lebensraum für unser Volk liege. Wirtschaftspolitisch versprach die Partei eine rasche Beseitigung der Arbeitslosigkeit, griff „Kommunisten und Kapitalisten" gleichermaßen an und kündigte die Schaffung eines starken Bauerntums an.

 

Viele dieser Forderungen und Versprechungen waren im Volk populär. Daß die Nazis ihre radikale Rassenlehre wahrmachen würden, glaubten viele nicht; andere fielen -durchaus guten Willens -angesichts der Dauerkrise des Staates auf die Parolen von der „nationalen Erneuerung" herein. So auch in Appenheim, wo die Nationalsozialisten bei den zwei Reichstagswahlen von 1932 ihren ohnehin schon großen Anteil von 45 auf 47 Prozent steigern konnten. Zwar gab es unter den Appenheimern noch immer treue Anhänger von SPD und Zentrum, doch wird der Pfarrer die Stimmung der Mehrheit getroffen haben, als er Ende 1932 schrieb: „Groß waren die politischen Spannungen am Jahresende. Es war in den Dörfern ein großes Hoffen und Warten auf Adolf Hitler." Vier Wochen später hatte das Warten ein Ende, es kam zur Machtergreifung der Nazis. In der Ortschronik lesen wir dazu: „Groß war weithin die Freude, als am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde." Viel zurückhaltender als der evangelische äußerte sich damals der katholische Pfarrer: Ob diese Machtergreifung für das deutsche Volk ein wahrer Segen ist oder ein Fluch, darüber mag einst die Geschichte und die Nachwelt richten." Diese ganz unterschiedlichen Wertungen waren weniger eine Sache der Konfession als der Person. Denn der 1932/33 in Appenheim amtierende evangelische Pfarrer gehörte zum „nationalen" Flügel des deutschen Protestantismus, der unter Führung des „Reichsbischofs" Ludwig Müller zumindest anfangs eng mit den Nazis zusammenarbeitete. Daher heißt es in der Pfarrchronik über die für die Nazis hier so erfolgreichen Reichstagswahlen (siehe den Aufsatz von Michael Rauh) und die folgenden Ereignisse: „Am 5. März wurde ein neuer Reichstag gewählt, mit dessen Zusammentritt in der Garnisonskirche in Potsdam am 21. März eine neue Epoche deutscher Geschichte beginnt. Auch in unseren Dörfern stimmten am 5. März große Mehrheiten für Adolf Hitler und sein Werk. Fackelzüge und Schulfeiern ließen die beiden Tage zu besonderen Festtagen werden. Der 1. Mai, der Tag der nationalen Arbeit, wurde mit großer Begeisterung feierlich begangen." Die Machtergreifung der Nationalsozialisten ging also auch in Appenheim fast ohne jeden Widerstand vor sich. Am 16. März 1933 vermerkt das Gemeinderatsprotokoll: „Auf Anordnung der Schulbehörde findet am kommenden Samstagvormittag für sämtliche Schulen aus Anlaß des Regierungswechsels in Hessen eine Schulfeier mit anschließendem Umzug durch die Straßen statt. Es ist beantragt, bei dieser Gelegenheit den Schulkindern nach althergebrachter Sitte Bubenschenkel zuschenken." Inder anschließenden Abstimmung verweigerte nur ein (sozialdemokratisches) Ratsmitglied seine Zustimmung. Natürlich konnte es seine Stellung nicht mehr lange halten und war bereits durch einen anderen ersetzt, als der AppenheimerGemeinderat sich nach der „Gleichschaltung" aller Reichs-,Landes- und Ortsbehörden am 11. Mai 1933 neu konstituierte: „Die Ratsmitglieder, so heißt es im Protokoll, werden durch Handschlag an Eidesstatt verpflichtet und in ihren Dienst eingewiesen . . .

 

Nach kurzer Begrüßungsansprache des Ortsgruppenleiters der NSDAP schließt der Bürgermeister die gewiß denkwürdige erste Sitzung." Wie rasch die Anpassung an das Nazi-Regime ging, zeigt die Tatsache, daß auch in Appenheim bereits im Mai mehrere Straßen umbenannt worden waren. Neben einer Hindenburg- gab es hier nun eine Adolf-Hitler- und eine Horst-Wessel-Straße. Das waren jedoch nur äußere Anzeichen einer tiefgreifenden Umgestaltung, suchte doch die Nazi-Diktatur alle Lebensbereiche zu erfassen. Dafür sorgten auch in unserem Dorf ein Ortsgruppenleiter, ein Ortsbauernführer sowie der Stützpunkt- bzw. Zellenleiter. Bezeichnend für die Einheit von Partei und Staat war, daß die Hauptsatzung der Gemeinde im Juni 1935 „mit Zustimmung des Beauftragten der NSDAP" erlassen wurde. Auch die Verpflichtung neuer Gemeinderäte drei Monate später stand ganz im Zeichen des nationalsozialistischen „Führerprinzips", denn die Eidformel lautete: „Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe."

 

Die Diktatur war inzwischen zum Alltag geworden. Arbeitsdienst und Winterhilfswerk, Reichsluftschutzbund und Reichsnährstand wurden den Appenheimern selbstverständliche Begriffe. Widerstand regte sich kaum, allenfalls in den „ungültigen" Stimmen bei den verschiedenen Volksabstimmungen, die ja keine freie Entscheidung zuließen. Eine - meist innere - Ablehnung läßt sich noch am ehesten bei den kirchentreuen Appenheimern vermuten, wobei es allerdings konfessionell bedingte Unterschiede gab. Die katholische Minderheit war zunächst durch den Versuch ihrer politischen und geistlichen Führung, mit dem Nationalsozialismus ein Auskommen zu finden (Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz, Reichskonkordat) verunsichert.

 

Doch zeigte sich gerade auf örtlicher Ebene schon bald der unversöhnliche Gegensatz zwischen dem Katholizismus und dem „Neuheidentum" der Nazis: Als die katholische Kirche in Appenheim 1935 renoviert wurde, ließ der Pfarrer an der Empore den Spruch anbringen: „Christus siegt, Christus herrscht, Christus triumphiert". Das Schild hatte durchaus politischen Charakter, denn es sollte „ein Trost für den gläubigen Christen sein, daß er sich auch durch die heftigen Angriffe der gegenwärtigen Zeit gegen alles positive Christentum nicht entmutigen lassen soll." Der Pfarrer suchte nicht die direkte Konfrontation mit dem Regime, vermied aber jedes Zusammen wirken mit der Partei und notierte erfreut, „daß die Pfarrkinder sich politisch - von einzelnen unrühmlichen Ausnahmen abgesehen - von allem fernhielten und nach wie vor treu zur Kirche standen." Was er in seinen Predigten wegen der dauernden Be spitzelung nur andeuten konnte, vertraute er der Chronik ausführlicher an. Er schrieb darin: „Der katholischen Kirche stand die (Nazi-)Bewegung von Anfang an feindselig gegenüber, und zwar vor allem durch Überspitzung der Rassenlehre und durch einen krassen Materialismus. Bischöfe, Priester, kirchliche Einrichtungen werden offen geschmäht, ohne daß irgendeine Verteidigung möglich ist; denn Wahlfreiheit, Rede freiheit, Pressefreiheit sind in diesem sogenannten Dritten Reich total unterdrückt und Schnüffelei, Denunzierung mißliebiger Menschen an der Tagesordnung. Im Kampfe gegen jede positive Religion können Nationalsozialismus und Kommunismus sich ruhig die Hände reichen...". In seiner ablehnenden Haltung zum Nazi-Re gime fand der katholische Pfarrer Rückhalt beim Mainzer Bischof Albert Stohr, der übrigens 1922/23 als Kaplan in Oberhilbersheim bzw. Appenheim gewirkt hatte. Denn auch die Bischöfe waren inzwischen von der Unvereinbarkeit von Katholizismus und Nationalsozialismus überzeugt, zumal das Reichskonkordat von 1933 den Ausbruch eines Kirchenkampfs nicht verhindert hatte.

 

In dieser Auseinandersetzung mit Partei und Staat war die Lage des deutschen Protestantismus schwieriger, da die evangelische Kirche nicht so einheitlich reagieren konnte wie die katholische. So war es den Nazis ja - wie erwähnt - gelungen, einen Teil der Protestanten durch die „Reichskirche" auf ihre Seite zu bringen. Doch gab es auch die Gegenbewegung der „Bekennenden Kirche", die die Staats- und vor allem Rassenlehre Hitlers ablehnte. Ihr stand wohl jener evangelische Pfarrer nahe, der von 1934 bis 1938 in Appenheim wirkte. Zwar nahmen an dem von ihm gehaltenen Trauergottesdienst für den verstorbenen Reichspräsidenten Hindenburg (5. August 1934) noch die örtlichen Parteiorganisationen teil, doch kam es bald zu Spannungen mit dem Pfarrer. Dieser sprach in seiner Chronik schon Ende 1934 vom „Kirchenkampf', lud Redner, die mit der Linie von Reichsbischof Müller nicht übereinstimmten, nach Appenheim ein und verwahrte sich öffentlich gegen Ausfälle eines Lehrers über das „verjudete" Alte Testament. Kein Wunder, wenn die Gendarmerie bei ihm im Auftrag der „Geheimen Staatspolizei" (Gestapo) eine Hausdurchsuchung durchführte - allerdings ohne die vermuteten „kirchenpolitischen Druckschriften" zu finden. Nach Ansicht des Pfarrers hatte die Ortsgruppenleitung der NSDAP Spitzel in den Kirchenvorstand eingeschleust, und in vielen Appenheimer Familien riß der Kirchenkampf tiefe Gegensätze auf. Unbeirrt hielt der Pfarrer an dem für die Menschen aller Rassen gültigen Evangelium fest und suchte - wie sein katholischer Kollege - das „Neuheidentum" der Nazis abzuwehren. Dennoch machten sich in der Gemeinde auch „deutschchristliche" Bestrebungen bemerkbar und es kam zu Kirchenaustritten aus rein politischen Gründen. So schrieb ein Gemeindemitglied dem Pfarrer: „Wir Nationalsozialisten waren von jeher kompromißlos und so vereinbart es sich nicht, daß ich mich länger zu einer Glaubensrichtung bekenne, die in diesem Falle schon längst keine mehr ist, denn ich kenne nur Deutschland . . .". Die Ausschaltung des evangelischen und katholischen Pfarrers aus dem schulischen Religionsunterricht (1938) war eine weitere Verschärfung des Kirchenkampfes.

 

Natürlich hatten nicht nur die überzeugten Katholiken und Protestanten Appenheims unter der Nazi-Diktatur zu leiden. Viel schlimmer erging es z. B. den Appenheimerjuden, deren Schicksal Erich Hinkel im Einzelnen aufgezeichnet hat. Es begann 1933 mit der Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben, ging weiter mit der Diskriminierung durch Judenstern und Nürnberger Gesetze (1935) und endete meist mit dem Tod im KZ Theresienstadt.

 

Das war Ende 1942, als längst der Zweite Weltkrieg tobte. 1936 hatten Hitlers Truppen das entmilitarisierte Rheinland besetzt, was sicher bei den meisten Appenheimern Zustimmung fand. Mit der Rheinlandbesetzung begann eine Serie von Rechtsbrüchen Hitlers, die alle einem ungeheuren Eroberungsdrang dienten; die Großmächte sahen dem teils untätig, teils allzu beschwichtigend zu. 1938 kam es zum Anschluß Österreichs - dessen in der Appenheimer Pfarrkirche „mit Freude und Dankbarkeit gegen Gott" gedacht wurde -, wenig später wurde das Sudetenland dem Reich angegliedert, dann die „Resttschechei" zerschlagen. Erst als Hitler im September 1939 Polen angriff, erklärten England und Frankreich Deutschland den Krieg. Die Stimmung im Dorf war damals ähnlich wie im August 1914, eher noch gedrückter:„Aus Appenheim eilten in den Tagen um den 1. September 1939 etwa 50 Mann zu den Waffen. Besonders die älteren unter ihnen, die schon am vorigen Krieg teilgenommen hatten, gingen schweren Herzens." Wieder gab es Einquartierungen, wurden Sammlungen durchgeführt und „besondere Gottesdienste" abgehalten - zunächst für die „siegreiche Beendigung" eines Feldzuges, dann immer öfter für die Gefangenen, Vermißten und Gefallenen. Immer mehr Appenheimer Familien erhielten traurige Nachricht von der Front oder aus einem Lazarett, immer häufiger spürte das Dorf, daß die offizielle Propaganda vom nahen Endsieg und die Wirklichkeit des Krieges weit auseinanderklafften. Schon 1942 fielen in der Gemarkung die ersten Bomben. 1944 kamen Evakuierte aus Frankfurt, Mainz und Bingen nach Appenheim, um dem Bombenkrieg der Alliierten zu entgehen. Im Herbst dieses Jahres wurden die Feldarbeiten durch Tiefflieger stark behindert. Seit November 1944 übte auch in Appenheim der „Volkssturm", ein Aufgebot meist alter oder ganz junger Männer. Von der zusammenbrechenden Westfront strömten Anfang 1945 deutsche Truppen an den Rhein zurück. Am 19. März hatten amerikanische Soldaten bereits Oberhilbersheim beschossen und abends besetzt. In Appenheim trat noch einmal der Volkssturm an. „Beim Antreten, so heißt es in der Pfarrchronik, wurde das Dorf beschossen, besonders der Westteil an der Straße nach Aspisheim. Ein Wohnhaus wurde zum Teil zerstört. Der Volkssturm verlief sich. Am 20. März 1945 kamen die ersten amerikanischen Panzer von Niederhilbersheim um 8.45 h ins Dorf. 10 Häuser mußten geräumt werden. Nach 12 Tagen wurden sie wieder an die Besitzer zurückgegeben. In der ersten Zeit bestand ein Ausgangsverbot von 17.00-5.00 h. Gewehre, Munition, Operngläser, Fotoapparate mußten abgegeben werden."

 

Für Appenheim war der Zweite Weltkrieg also am 20. März 1945 zu Ende, für ganz Deutschland am B. Mai. Der von Goebbels propagierte „totale Krieg" hatte in die totale Niederlage geführt. Deutschland war besiegt, verwüstet, besetzt und bald geteilt und hatte seine staatliche Eigenständigkeit verloren. Hitlers Eroberungsdrang und Rassenwahn hatten Millionen Menschen das Leben gekostet. Dazu gehören neben den Juden unserer Gemeinde jene 63 Appenheimer, die als Soldaten gefallen oder vermißt sind. Ihre Zahl war doppelt so hoch wie im Ersten Weltkrieg und das sechsfache von der des Krieges 1870/71.

 

Mit dem Zweiten Weltkrieg ist die Appenheimer Geschichte natürlich nicht zu Ende, doch beginnt nun schon die Zeit, in der wir selber noch stehen. Wie es nach 1945 auch in unserem Dorf weiterging, wie sich ein zunächst allmählicher, dann unerwartet rascher Wiederaufbau in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft vollzog, darüber berichtet der Aufsatz von Bürgermeister Hofmann.

 

Die Geschichte von Appenheim: Das ist eine Kette von 40 Generationen, das Leben vieler Menschen mit all seinen Härten und Freuden, das sind über 1100 Jahre Wohnen und Arbeiten am gleichen Ort. Die Appenheimer Vergangenheit liefert uns kleine, aber anschauliche Ausschnitte aus der deutschen Geschichte, zeigt, wie sich die Entwicklungen in Politik, Staat, Kirche, Wirtschaft und Gesellschaft in einem rheinhessischen Dorf niedergeschlagen haben. Darüber hinaus hat sie ihren Eigenwert, denn sie ist die Grundlage, auf der die alten und neuen Appenheimer stehen. Appenheims lange Geschichte ist sicher weiteren Nachforschens wert -aber auch des Nachdenkens, zumal in ihren jüngeren Abschnitten. Obwohl er hier nur die Vergangenheit betrachtet hat, möchte der Historiker zum Schluß doch einmal nach vorne blikken und der Gemeinde Appenheim für die Zukunft Glück wünschen: ein gutes Miteinander in Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden. Verfasser: Dr. Franz Dumont aus Mainz Beitrag von 1983

 
     
 
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